Posts Tagged ‘Makroökonomik’

Maurice Obstfeld ist der neue Chefökonom beim IWF

21. Juli 2015

Das freut mich sehr. Maurice Obstfeld hat zusammen mit Paul Krugman das beste Lehrbuch im Bereich „International Economics“ geschrieben. Das habe ich selbst schon als Student benutzt, und heute verwende ich es in meinen eigenen Vorlesungen.

Obstfeld ist sicherlich jemand, der die Probleme der unvollständigen Währungsunion in Europa ganz genau versteht. Hoffentlich kann er mit seinem Sachverstand die IWF-Politik beeinflussen.

Pfadabhängigkeit beim Schreiben von Lehrbüchern

25. November 2013

Paul Krugman schreibt:

For historical reasons, economists doing international macro usually measure the exchange rate as the price of foreign currency, e.g., for Mexico it’s pesos per dollar. As a result, on your diagrams, when your currency goes down, the exchange rate goes up. Everyone else, including other economists, hates this convention. Yet it’s nearly impossible to change it in the textbooks without upsetting thousands of course instructors.

Wenn der Wechselkurs steigtm, wertet die Währung ab. Das hat schon ganze Generationen von Studenten (mich eingeschlossen) in den Wahnsinn getrieben. Aber geteiltes Leid ist bekanntlich halbes Leid. Deswegen tut es gut zu wissen, dass selbst die Autoren des von mir verwendeten Lehrbuchs diese Konvention verwirrend finden.

Die amtlichen Inflationszahlen für Oktober

15. November 2013

Bisher gab es nur die Schätzung von 0,7% für den Euroraum bzw. 0,8 Prozent Kerninflation. Seit heute sind auch die amtlichen Zahlen für die einzelnen Mitgliedsstaaten verfügbar.

Griechenland steckt mit -1,9% tief in der Deflation. Zwei weitere Länder sind im Oktober in die Deflationszone gerutscht: Irland von 0,0% auf -0,1% und Zypern von 0,3% auf -0,5%. Spanien und Portugal stehen mit 0,0% (runter von 0,5% bzw. 0,3%) an der Schwelle zur Deflation.

Deflation bedeutet, dass der reale Wert aller Schulden – inklusive der Staatsschulen – zunimmt. Normalerweise können hoch verschuldete Staaten die Inflation nutzen, um damit die reale Schuldenlast zu senken. Griechenland, Irland, Spanien und Portugal können das jetzt nicht. Die EZB hat also gute Gründe für ihre Leitzinssenkung gehabt. Sie stemmt sich mit ihrer Zinssenkung von vergangener Woche gegen die Deflation und wird dafür von deutschen Medien und Ökonomen kritisiert. Deutschland bleibt also seiner Linie treu: keine Gnade für die Peripherie, die Schuldensünder müssen bluten!

Gleichzeitig liegt die Inflation allerdings im angeblich boomenden Deutschland bei mageren 1,2%, während das BIP im 3. Quartal um kümmerliche 0,3% gegenüber dem 2. Quartal gewachsen ist. 1,2% Inflation und 0,3% Wachstum – wie kann man bei solchen Daten GEGEN eine Leitzinssenkung sein?

Streit um die Geldpolitik

14. Oktober 2013

Die Welt berichtet, dass der IWF zunehmend genervt ist von der Borniertheit einiger Entscheidungsträger bei der EZB, die nach wie vor auf dem ausschließlichen Ziel „Preisstabilität“ herumreiten.

Selbst wenn man dem Ziel „Preisstabilität“ hohe Priorität einräumt, ist gegenwärtig genug Spielraum für eine lockere Geldpolitik vorhanden. Die Inflationsrate liegt im Euroraum bei lediglich 1,1 Prozent, also im kaum noch messbaren Bereich.

Die SPD muss Keynes wiederentdecken

4. September 2013

So sieht das jedenfalls Wolfgang Münchau auf Spiegel Online:

Sparen, kürzen, drücken: In der Wirtschaftspolitik bieten die Sozialdemokraten keine ideologische Alternative zur Bundesregierung – und haben deshalb auch keinen Erfolg beim Wähler. Peer Steinbrück täte gut daran, den Keynesianismus für seine Partei neu zu entdecken.

Dem kann ich nur zustimmen. Allerdings würde ich die keynesianische Wirtschaftstheorie nicht als Ideologie bezeichnen, sondern als gute, anerkannte und empirisch belegte Makroökonomie.

Zurück aus dem Urlaub

26. August 2013

Der dreiwöchige Urlaub in Spanien war schön und erholsam. Allerdings kann man als Ökonom natürlich nicht durch dieses Land fahren, ohne dabei die Folgen der gegenwärtigen Wirtschaftslage wahrzunehmen. Um diese kurz und knapp zu beschreiben, reicht ein Wort: erschütternd. Im Vergleich zu 2011 (meiner letzten längeren Spanienreise) ist der subjektiv wahrgenommene Leerstand in den Innenstädten deutlich gestiegen, es gibt mehr Kriminalität und die Zahl der Bettler auf den Straßen hat zugenommen. Das alles als Folge der völlig irren Wirtschaftspolitik, die von der spanischen Regierung (unter Druck von außen) verfolgt wird.

Die Bemühungen zur Haushaltskonsolidierung haben mittlerweile absurde Formen angenommen. So wurde die zentrale Metrostation in Madrid von „Sol“ in „Vodafone Sol“ umbenannt, dafür zahlt Vodafone wohl einen gewissen Betrag in die Kasse von Madrid. So weit ist es also inzwischen gekommen. Wenn man aufgrund von Machtlosigkeit oder fehlenden polischen Willens derartige Großunternehmen nicht mehr dazu bringen kann, ihren Anteil zur Finanzierung von öffentlichen Gütern in Form von Steuerzahlungen zu leisten, muss man eben auf freiwillig gezahlte Sponsorengelder hoffen.

Immerhin ist die Arbeitslosenquote in Spanien wieder geringfügig zurückgegangen. Sie liegt aber immer noch bei mehr als 26%. Hier muss dringend etwas geschehen, damit die gesamtwirtschaftliche Nachfrage wieder in Gang kommt.

Liquiditätsfalle I

16. Juli 2013

Es gibt in der Makroökonomie ein Gespenst, das hin und wieder großen Schrecken verbreitet und nicht leicht zu vertreiben ist. Zum ersten Mal wurde es in der Zeit der großen Depression gesichtet, dann aber verschwand es für viele Jahrzehnte von der Bildfläche und geriet in Vergessenheit. Ältere Makroökonomen mit grauen Bärten erzählten zwar gelegentlich noch davon, aber die meisten Jüngeren hielten diese Geschichten für Ammenmärchen und nahmen sie deshalb nicht ernst. Allmählich schwand die Erinnerung an das Gespenst, und auch das Wissen der Altvorderen, die wirksame Mittel zur Vertreibung des Gespenstes entdeckt hatten, geriet in Vergessenheit.

Doch dann begann das Gespenst wieder mit seinem Spuk. In den 1990er Jahren kroch es aus seinem Versteck hervor, um im fernen Japan sein Unwesen zu treiben. Die meisten Menschen in Europa und Amerika bekamen davon nichts mit. Sie wiegten sich weiterhin in Sicherheit, denn in ihren Ländern schien die Sonne, und die Erinnerung an die dunklen Nächte, in denen das Gespenst seinen Spuk trieb, konnte niemanden mehr schrecken.

Jetzt ist das Gespenst wieder da.

Sein Name ist: die Liquiditätsfalle.

Sein Spuk wird uns vermutlich noch eine ganze Weile begleiten, deswegen ist der Titel dieses Beitrags mit einer römischen „Eins“ versehen. Fortsetzung folgt…

Update zur Makroökonomie

4. Juli 2013

Update: Soeben habe ich die neue Version von Blanchards Lehrbuch bekommen (6th Global Edition, Co-Autor ist jetzt David R. Johnson). Ein ganz hervorragendes Lehrbuch! Der einzige Wermutstropfen ist, dass Kapitel 9 gestrichen wurde, was die Autoren damit erklären, dass sie viel Post von Dozenten bekommen hätten, deren Studenten dieses Kapitel zu schwierig fanden. Schade. Aber dafür haben Blanchard & Johnson dieses Kapitel durch ein brandneues Kapitel mit dem einfachen Titel „The Crisis“ ersetzt, in dem die Ursachen und Auswirkungen der Krisen seit 2008 sehr gut erläutert werden. Auch an anderen Stellen wird immer wieder auf die aktuelle Situation eingegangen, beispielsweise in Kapitel 5 (IS-LM-Modell), wo Blanchard & Johnson auf die unterschiedlichen Ansätze von Merkel (mehr Sparpolitk) und Hollande (weniger Sparpolitik) eingehen.

Ein sehr gutes Buch. Da freut man sich ja schon fast auf das Ende der Semesterferien und den Anfang des nächsten Makro-Kurses…

Erfahrungen mit Krugman/Obstfeld/Melitz

4. Juli 2013

Nun zum nächsten Kurs. Im Master-Studiengang habe ich ein Fach mit dem spartanisch kurzen Titel „Currency Systems and International Financial Institutions“ unterrichtet. Grundlage dafür war das Buch „International Economics“ von Paul Krugman, Maurice Obstfeld und Marc Melitz. Letzterer ist irgendwann in den vergangenen Jahren zum Autorenteam hinzugestoßen, als ich das Buch damals in meinem Studium zu ersten Mal las war es noch von Krugman und Obstfeld.

Das Buch ist in diesem Bereich meiner Meinung nach ohne Konkurrenz. Andererseits ist der Markt für Lehrbücher über „International Economics“ natürlich sehr viel kleiner als der für allgemeine Bücher über Makroökonomie oder so. Deswegen hat das Buch – obwohl es das beste seiner Art ist – einige Schwächen. Oder andersherum ausgedrückt: Obwohl das Buch einige Schwächen hat, ist es das beste seiner Art.

Welches sind nun diese Schwächen? Als erstes muss ich hier nennen, dass die Darstellung insgesamt zu theorielastig ist. In den Vorlesungen habe ich mich natürlich immer bemüht, die Theorie mit Beispielen aus der Praxis anzureichern, aber das ist nicht immer ganz einfach. Der Text ist einfach zu sehr theoretisch angelegt und an manchen Stellen auch unnötig kompliziert. Die Titel der einzelnen Kapitel sind oft sehr lang und die inhaltliche Struktur ist für die Studierenden nur sehr schwer zu durchschauen. Dabei ist sie eigentlich nicht sehr kompliziert:

  1. Es gibt zwei wichtige internationale Märkte: den Gütermarkt und den Finanzmarkt.
  2. Ist der Finanzmarkt im Gleichgewicht, herrscht (reale) Zinsparität
  3. Aus 2. ergibt sich der Asset Approach zur Analyse der Wechselkurse. Dieser funktioniert auch kurzfristig ziemlich gut.
  4. Ist der Gütermarkt im Gleichgewicht, herrscht Kaufkraftparität.
  5. Aus 4. ergibt sich der monetäre Ansatz zur Analyse der Wechselkurse. Dieser funktioniert kurzfristig gar nicht und langfristig eher schlecht als recht, weil das Gesetz der Preiseinheitlichkeit nicht immer hält.
  6. Führt man beide Ansätze zusammen, erhält man einen Hybrid-Ansatz, der mit „realen“ Wechselkursen arbeitet.
  7. Nachdem die Wechselkursbildung erklärt wird, kommen wir noch kurz zum Mundell-Fleming-Modell.
  8. Und dann besprechen wir feste Wechselkurse und wenden die Theorie der optimalen Währungsräume auf die EU bzw. den Euroraum an.

So habe ich das in der abschließenden Vorlesung zusammengefasst. Ich hoffe, dass es somit besser verständlich wird.

Im kommenden Semester wird das Buch wieder als Grundlage dienen.

Erfahrungen mit Blanchard und Illing

2. Juli 2013

Das Semester neigt sich dem Ende zu. Die Vorlesungen in Makroökonomie sind abgeschlossen, die Klausur ist auf dem Weg in die Druckerei. Zeit, ein kurzes Fazit zu ziehen.

Als Grundlage habe ich das Buch „Makroökonomie“ von Blanchard & Illing verwendet. Damit war ich sehr zufrieden. Auf dem deutschsprachigen Makrt ist dies das beste Makro-Lehrbuch, das ich kenne. Die meisten Makro-Lehrbücher (z.B. Mankiw) fangen mit der langen Frist an und kommen erst später zur kurzen Frist. Das finde ich erstens unlogisch und zweitens didaktisch ungeschickt. Meiner Meinung nach ist es besser, mit der kurzen Frist zu beginnen, und das sehen auch Blanchard & Illing so. Nach der Einleitung (Kap. 1 und 2), in der die Grundlagen der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung erläutert werden, schließt unmittelbar der Teil „die kurze Frist“ (Kap. 3 bis 5) an. In Kapitel 3 wird ein Modell des Gütermarktes eingeführt (und der Einkommensmultiplikator erläutert), in Kapitel 4 geschieht dasselbe für den Geldmarkt, und in Kapitel 5 werden Gütermarkt und Geldmarkt zusammengeführt, um das berühmte IS-LM-Modell zu begründen. Das ist ein logisch nachvollziehbarer Aufbau, der mir sehr gut gefällt. Gut sind auch die Übungen am jeweiligen Ende des Kapitels. Wenn man die richtigen Übungen aussucht, kann man auch auf Spezialthemen wie das Sparparadox, das Haavelmo-Theorem und die Liquiditätsfalle eingehen.

Danach gehen Blanchard & Illing in die mittlere Frist (Arbeitsmarkt, AS-AD-Modell, Phillipskurve, Probleme der Geldpolitik). Dieser Teil ist didaktisch ebenfalls gut aufgearbeitet. Gut gefällt mir, dass Blanchard & Illing das Thema Inflation nicht mit der alten und irreführenden Quantitätstheorie angehen, sondern mit einer Besprechung der Lohnbildung auf dem Arbeitsmarkt. Damit werden zwei zentrale Punkte klargestellt. Erstens: Inflation wird zum Problem, wenn Lohn-Preis-Spiralen entstehen. Zweitens: Ungelöste Verteilungskonflikte spielen dabei eine wichtige Rolle. Inflation entsteht in diesem Modell so: Arbeitnehmer fordern höhere Löhne (um ihren Anteil am Volkseinkommen zu erhöhen), Unternehmer erhöhen die Güterpreise (um ihren Anteil am Volkseinkommen zu erhöhen). Weniger gut gefällt mir das AS-AD-Modell – vielleicht überspringe ich das im nächsten Semester einfach und komme gleich zur Phillipskurve. Das „Drei-Gleichungs-Modell“ (Phillipskurve, Okuns Gesetz und die mit dem IS-LM-Modell erklärte AD-Kurve) lässt sich auch einfacher erklären.

Nach der Besprechung der mittleren Frist kommen Blanchard & Illing folgerichtig zur langen Frist (Wachstumstheorie, ein bisschen Entwicklungsökonomie, Kapitalakkumulation und technischer Fortschritt). Ein interessantes Thema, das man aber meiner Meinung nicht unbedingt in vier Kapitels abhandeln sollte. Ich würde es entweder noch weiter kondensieren (und die mathematische Präsentation des nicht sehr realistischen Solow-Modells auslassen) oder noch weiter ausbauen (und dann neben Solow auch die Wachstumstheorien von Kaldor, Kalecki, Lucas und Romer besprechen).

Danach kommen bei Blanchard & Illing noch vier weitere „Module“, die ich aus Zeitgründen nicht alle durchnehmen konnte. Den Abschnitt „Erwartungen“ habe ich übersprungen. „Die offene Volkswirtschaft“ habe ich stark kondensiert – wer mehr darüber wissen will, kann mein Seminar im Master-Studiengang besuchen. Den mit „Pathologien“ betitelten Teil habe ich anhand der seit 2006 auftretenden Krisen besprochen – das Buch ist von 2009 und hat demzufolge nicht viel aktuelles zu bieten. Das abschließende Modul „Zurück zur Politik“ habe ich nicht an dieser Stelle durchgenommen, ich bin stattdessen im Verlauf des Semesters immer wieder auf Fragen der Wirtschaftspolitik eingegangen.

Insgesamt ist das Buch sehr gut geeignet für einen Kurs in Makroökonomie. Ein Update wäre aber mittlerweile angebracht.