Posts Tagged ‘Lehre’

Pfadabhängigkeit beim Schreiben von Lehrbüchern

25. November 2013

Paul Krugman schreibt:

For historical reasons, economists doing international macro usually measure the exchange rate as the price of foreign currency, e.g., for Mexico it’s pesos per dollar. As a result, on your diagrams, when your currency goes down, the exchange rate goes up. Everyone else, including other economists, hates this convention. Yet it’s nearly impossible to change it in the textbooks without upsetting thousands of course instructors.

Wenn der Wechselkurs steigtm, wertet die Währung ab. Das hat schon ganze Generationen von Studenten (mich eingeschlossen) in den Wahnsinn getrieben. Aber geteiltes Leid ist bekanntlich halbes Leid. Deswegen tut es gut zu wissen, dass selbst die Autoren des von mir verwendeten Lehrbuchs diese Konvention verwirrend finden.

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Kurz notiert: Volkswirtschaftslehre ist nicht Marktlehre

14. November 2013

Einige Menschen denken anscheinend, bei der Volkswirtschaftslehre ginge es einzig und allein darum, die Funktionsweise eines Marktes zu erklären.

Das stimmt aber nicht. Wenn dem so wäre, würde man von „Marktlehre“ sprechen. Das Fach heißt aber „Volkswirtschaftslehre“.

Märkte spielen selbstverständlich eine wichtige Rolle. Ihre Bedeutung wird aber in vielen Lehrbüchern und Vorlesungen bei weitem übertrieben. Ich halte es nicht für sinnvoll, beispielsweise in einem Kurs „Mikroökonomie“ 90% der Zeit mit dem Zeichnen von Angebotskurven und Nachfragekurven zu verbringen. Stattdessen würde ich viel mehr Zeit damit verbringen, das Verhalten von einzelnen Haushalten und Unternehmen zu analysieren.

Update zur Makroökonomie

4. Juli 2013

Update: Soeben habe ich die neue Version von Blanchards Lehrbuch bekommen (6th Global Edition, Co-Autor ist jetzt David R. Johnson). Ein ganz hervorragendes Lehrbuch! Der einzige Wermutstropfen ist, dass Kapitel 9 gestrichen wurde, was die Autoren damit erklären, dass sie viel Post von Dozenten bekommen hätten, deren Studenten dieses Kapitel zu schwierig fanden. Schade. Aber dafür haben Blanchard & Johnson dieses Kapitel durch ein brandneues Kapitel mit dem einfachen Titel „The Crisis“ ersetzt, in dem die Ursachen und Auswirkungen der Krisen seit 2008 sehr gut erläutert werden. Auch an anderen Stellen wird immer wieder auf die aktuelle Situation eingegangen, beispielsweise in Kapitel 5 (IS-LM-Modell), wo Blanchard & Johnson auf die unterschiedlichen Ansätze von Merkel (mehr Sparpolitk) und Hollande (weniger Sparpolitik) eingehen.

Ein sehr gutes Buch. Da freut man sich ja schon fast auf das Ende der Semesterferien und den Anfang des nächsten Makro-Kurses…

Erfahrungen mit Krugman/Obstfeld/Melitz

4. Juli 2013

Nun zum nächsten Kurs. Im Master-Studiengang habe ich ein Fach mit dem spartanisch kurzen Titel „Currency Systems and International Financial Institutions“ unterrichtet. Grundlage dafür war das Buch „International Economics“ von Paul Krugman, Maurice Obstfeld und Marc Melitz. Letzterer ist irgendwann in den vergangenen Jahren zum Autorenteam hinzugestoßen, als ich das Buch damals in meinem Studium zu ersten Mal las war es noch von Krugman und Obstfeld.

Das Buch ist in diesem Bereich meiner Meinung nach ohne Konkurrenz. Andererseits ist der Markt für Lehrbücher über „International Economics“ natürlich sehr viel kleiner als der für allgemeine Bücher über Makroökonomie oder so. Deswegen hat das Buch – obwohl es das beste seiner Art ist – einige Schwächen. Oder andersherum ausgedrückt: Obwohl das Buch einige Schwächen hat, ist es das beste seiner Art.

Welches sind nun diese Schwächen? Als erstes muss ich hier nennen, dass die Darstellung insgesamt zu theorielastig ist. In den Vorlesungen habe ich mich natürlich immer bemüht, die Theorie mit Beispielen aus der Praxis anzureichern, aber das ist nicht immer ganz einfach. Der Text ist einfach zu sehr theoretisch angelegt und an manchen Stellen auch unnötig kompliziert. Die Titel der einzelnen Kapitel sind oft sehr lang und die inhaltliche Struktur ist für die Studierenden nur sehr schwer zu durchschauen. Dabei ist sie eigentlich nicht sehr kompliziert:

  1. Es gibt zwei wichtige internationale Märkte: den Gütermarkt und den Finanzmarkt.
  2. Ist der Finanzmarkt im Gleichgewicht, herrscht (reale) Zinsparität
  3. Aus 2. ergibt sich der Asset Approach zur Analyse der Wechselkurse. Dieser funktioniert auch kurzfristig ziemlich gut.
  4. Ist der Gütermarkt im Gleichgewicht, herrscht Kaufkraftparität.
  5. Aus 4. ergibt sich der monetäre Ansatz zur Analyse der Wechselkurse. Dieser funktioniert kurzfristig gar nicht und langfristig eher schlecht als recht, weil das Gesetz der Preiseinheitlichkeit nicht immer hält.
  6. Führt man beide Ansätze zusammen, erhält man einen Hybrid-Ansatz, der mit „realen“ Wechselkursen arbeitet.
  7. Nachdem die Wechselkursbildung erklärt wird, kommen wir noch kurz zum Mundell-Fleming-Modell.
  8. Und dann besprechen wir feste Wechselkurse und wenden die Theorie der optimalen Währungsräume auf die EU bzw. den Euroraum an.

So habe ich das in der abschließenden Vorlesung zusammengefasst. Ich hoffe, dass es somit besser verständlich wird.

Im kommenden Semester wird das Buch wieder als Grundlage dienen.

Erfahrungen mit Blanchard und Illing

2. Juli 2013

Das Semester neigt sich dem Ende zu. Die Vorlesungen in Makroökonomie sind abgeschlossen, die Klausur ist auf dem Weg in die Druckerei. Zeit, ein kurzes Fazit zu ziehen.

Als Grundlage habe ich das Buch „Makroökonomie“ von Blanchard & Illing verwendet. Damit war ich sehr zufrieden. Auf dem deutschsprachigen Makrt ist dies das beste Makro-Lehrbuch, das ich kenne. Die meisten Makro-Lehrbücher (z.B. Mankiw) fangen mit der langen Frist an und kommen erst später zur kurzen Frist. Das finde ich erstens unlogisch und zweitens didaktisch ungeschickt. Meiner Meinung nach ist es besser, mit der kurzen Frist zu beginnen, und das sehen auch Blanchard & Illing so. Nach der Einleitung (Kap. 1 und 2), in der die Grundlagen der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung erläutert werden, schließt unmittelbar der Teil „die kurze Frist“ (Kap. 3 bis 5) an. In Kapitel 3 wird ein Modell des Gütermarktes eingeführt (und der Einkommensmultiplikator erläutert), in Kapitel 4 geschieht dasselbe für den Geldmarkt, und in Kapitel 5 werden Gütermarkt und Geldmarkt zusammengeführt, um das berühmte IS-LM-Modell zu begründen. Das ist ein logisch nachvollziehbarer Aufbau, der mir sehr gut gefällt. Gut sind auch die Übungen am jeweiligen Ende des Kapitels. Wenn man die richtigen Übungen aussucht, kann man auch auf Spezialthemen wie das Sparparadox, das Haavelmo-Theorem und die Liquiditätsfalle eingehen.

Danach gehen Blanchard & Illing in die mittlere Frist (Arbeitsmarkt, AS-AD-Modell, Phillipskurve, Probleme der Geldpolitik). Dieser Teil ist didaktisch ebenfalls gut aufgearbeitet. Gut gefällt mir, dass Blanchard & Illing das Thema Inflation nicht mit der alten und irreführenden Quantitätstheorie angehen, sondern mit einer Besprechung der Lohnbildung auf dem Arbeitsmarkt. Damit werden zwei zentrale Punkte klargestellt. Erstens: Inflation wird zum Problem, wenn Lohn-Preis-Spiralen entstehen. Zweitens: Ungelöste Verteilungskonflikte spielen dabei eine wichtige Rolle. Inflation entsteht in diesem Modell so: Arbeitnehmer fordern höhere Löhne (um ihren Anteil am Volkseinkommen zu erhöhen), Unternehmer erhöhen die Güterpreise (um ihren Anteil am Volkseinkommen zu erhöhen). Weniger gut gefällt mir das AS-AD-Modell – vielleicht überspringe ich das im nächsten Semester einfach und komme gleich zur Phillipskurve. Das „Drei-Gleichungs-Modell“ (Phillipskurve, Okuns Gesetz und die mit dem IS-LM-Modell erklärte AD-Kurve) lässt sich auch einfacher erklären.

Nach der Besprechung der mittleren Frist kommen Blanchard & Illing folgerichtig zur langen Frist (Wachstumstheorie, ein bisschen Entwicklungsökonomie, Kapitalakkumulation und technischer Fortschritt). Ein interessantes Thema, das man aber meiner Meinung nicht unbedingt in vier Kapitels abhandeln sollte. Ich würde es entweder noch weiter kondensieren (und die mathematische Präsentation des nicht sehr realistischen Solow-Modells auslassen) oder noch weiter ausbauen (und dann neben Solow auch die Wachstumstheorien von Kaldor, Kalecki, Lucas und Romer besprechen).

Danach kommen bei Blanchard & Illing noch vier weitere „Module“, die ich aus Zeitgründen nicht alle durchnehmen konnte. Den Abschnitt „Erwartungen“ habe ich übersprungen. „Die offene Volkswirtschaft“ habe ich stark kondensiert – wer mehr darüber wissen will, kann mein Seminar im Master-Studiengang besuchen. Den mit „Pathologien“ betitelten Teil habe ich anhand der seit 2006 auftretenden Krisen besprochen – das Buch ist von 2009 und hat demzufolge nicht viel aktuelles zu bieten. Das abschließende Modul „Zurück zur Politik“ habe ich nicht an dieser Stelle durchgenommen, ich bin stattdessen im Verlauf des Semesters immer wieder auf Fragen der Wirtschaftspolitik eingegangen.

Insgesamt ist das Buch sehr gut geeignet für einen Kurs in Makroökonomie. Ein Update wäre aber mittlerweile angebracht.

Die pure Arroganz

5. Januar 2012

Rüdiger Bachmann, Professor für Makroökonomik an der RWTH Aachen, erklärt den Lesern von Spiegel Online, warum er seinen VWL-Studenten nicht die krisenhaften Entwicklungen der letzten Jahre erklären kann: Weil die kein Mathe können!

Ich komme aus dem Lachen nicht mehr heraus. Seit wann braucht man denn hochkomplexe Mathematik, um eine ganz gewöhnliche Wirtschaftskrise zu erklären? Das ist ja wohl eine reine Schutzbehauptung. Eine solche Haltung zeigt nicht nur von Arroganz, sondern auch von Feigheit. Bachmanns Motto lautet: „Auf euer Niveau lasse ich mich nicht herab, ihr seid mir einfach zu blöd, und deswegen diskutiere ich nicht mit euch“. Das ist eines W3-Professor unwürdig.

Bachmann, der sich hinter der Mathematik versteckt, um unbequemen Diskussionen auszuweichen, erinnert mich ein bisschen an Friedrich von Hayek, über den man sich folgende Anekdote erzählt:

Hayek came to Cambridge in January 1931 to give a one-lecture version of his theory to the Marshall Society before starting on his LSE lectures. His exposition was greeted with complete silence. Keynes was in London, but Richard Kahn, who was in the audience, felt he had to break the ice. ‚Is it your view‘, he asked Hayek, ‚that if I went out tomorrow and bought a new overcoat, that would increase unemployment?‘ ‚Yes,‘ replied Hayek, turning to a blackboard full of triangles, ‚but it would take a very long mathematical argument to explain why. –Robert Skidelsky, John Maynard Keynes: The Economist as Saviour, 1994, p. 456. [Quoted from Kahn, The Making of Keynes’s General Theory, p. 182.]

Ich halte es da lieber mit Paul Krugman, der noch vor wenigen Tagen schrieb:

I have always been able, after the fact, to find a way to express in plain English what the math is telling me. If you resort to math to justify what looks like a very foolish claim, and you can’t find a plausible way to express that justification in plain English, something is wrong.

Mankiw bleibt cool (oder uncool, je nachdem wie man es sieht)

7. November 2011

Greg Mankiw reagiert auf seinem Blog extrem gelassen auf die Protestaktion seiner Studenten.

Meiner Meinung nach zu gelassen. Er macht sich nicht einmal die Mühe, auf den Brief der protestierenden Studenten zu antworten. Stattdessen lässt er einen seiner anderen Studenten eine Verteidigung seines Kurses schreiben. Das ist schon enttäuschend.

eine glatte Eins

3. November 2011

Eine Gruppe von Studenten der Harvard University (einer der Top-Unis der USA) sind aus einer Vorlesung von Greg Mankiw (einem der Top-Ökonomen der USA) herausmarschiert und haben dies als Protestaktion gegen die Lehre von Mankiw deklariert (Bericht). Bei RWER gibt es den offenen Brief der Studenten zu lesen:

Today, we are walking out of your class, Economics 10, in order to express our discontent with the bias inherent in this introductory economics course. We are deeply concerned about the way that this bias affects students, the University, and our greater society. […] We are walking out today to join a Boston-wide march protesting the corporatization of higher education as part of the global Occupy movement. Since the biased nature of Economics 10 contributes to and symbolizes the increasing economic inequality in America, we are walking out of your class today both to protest your inadequate discussion of basic economic theory and to lend our support to a movement that is changing American discourse on economic injustice. Professor Mankiw, we ask that you take our concerns and our walk-out seriously.

Diese Studenten haben eine glatte Eins verdient. Jedenfalls in einem Fach namens „Kritisches Denken und Zivilcourage“, das es aber leider weder in Harvard noch an irgendeiner anderen Universität gibt.