Posts Tagged ‘Konjunkturpolitik’

1936 und 2016

11. Dezember 2016

Larry Elliott: Keynesian economics: is it time for the theory to rise from the dead?

John Maynard Keynes penned his General Theory in 1936. Faced with the upheaval of 2016, what would a cryogenically frozen Keynes do?

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Zum Thema Griechenland

2. Februar 2015

Statt selbst etwas über die neue griechische Regierung und ihren wirtschaftspolitischen Kurs zu schreiben, verlinke ich einfach auf diesen von Edward Fullbrook initiierten Appell.

 We the undersigned call on the governments of Europe, the European
Commission, the European Central Bank and the IMF to respect the decision
of the Greek people to choose a new course and to  engage the new
government of Greece in good faith negotiations to resolve the Greek debt.

[…]

Merkel und der Terminator

22. Juni 2012

Angela Merkel ist schon mit vielen verglichen worden, u.a. mit Hitler (natürlich) und dem „Hungerkanzler“ Brüning (wegen seiner Sparpolitik).

Neu ist die Idee des „New Statesman„, der Merkel zum Terminator macht:

Das Bild ziert einen Kommentar von Mehdi Hasan, der – nicht als einziger – vor den fatalen Folgen der Merkelschen Sparen-um-jeden-Preis-Politik warnt.

Kein schlechter Vergleich: Merkel und die gewissenlose Maschine in Menschengestalt, die nur ihrer Programmierung dient und weder Mitgefühl noch Reue kennt. Aber es gibt noch Hoffnung, denn im zweiten Teil wird der Terminator dank einer von John Connor vorgenommenen Umprogrammierung vom gnadenlosen Killer zum selbstlosen Beschützer, und gegen Ende des Films erlernt sogar die herzlose Maschine ein wenig Menschlichkeit („I know now why you cry„). Vielleicht geht das auch mit Merkel?

Paul Krugman demontiert die britischen Konservativen

1. Juni 2012

Live in der BBC: http://www.bbc.co.uk/news/business-18281669

Wenn wir in Deutschland solche Talkshows hätten, würde ich mir vielleicht wieder einen Fernseher anschaffen.

Seehofer will eine Finanztransaktionssteuer und ein Wachstumspaket

16. Mai 2012

Interessant wird es ab 6:45, als Seehofer auf den Fiskalpakt angesprochen wird. Nun sind sich bald alle mit dem neuen französischen Präsidenten einig. Die Opposition fordert schon seit Langem eine Finanztransaktionssteuer und ein Wachstumspaket. Nun sagt der CSU-Chef: „Das will ich auch“. Klasse, worauf wartet Merkel dann noch?

Krugman bitte nur im englischsprachigen Original lesen (genau wie alle anderen englischsprachigen Autoren)

9. Mai 2012

Martin Greive schreibt für Welt Online einen Artikel über das neue Buch von Paul Krugman. Schön, dass er sich damit beschäftigt. Schade aber, dass er Krugman teilweise missverstanden hat.

Das fehlende Verständnis hängt vermutlich auch damit zusammen, dass Greive offenbar nicht die Originalausgabe sondern die deutschsprachige Übersetzung gelesen hat. Das ist ein Fehler. Es fängt schon beim Titel an. Im Original lautet dieser „End This Depression Now!“, der deutsche Campus-Verlag hingegen vertreibt ein Buch mit dem Titel „Vergesst die Krise!: Warum wir jetzt Geld ausgeben müssen“. Durch das Hinzufügen des selten dämlichen Untertitels ist man gleich wieder auf dem in Deutschland für makroökonomische Themen üblichen Diskursniveau angekommen.

Der Autor Martin Greive outet sich dann endgültig als Übersetzungsleser, als er Krugman mit dem Satz „Ökonomie ist kein moralisches Spiel“ zitiert. Das hat Krugman aber niemals so gesagt oder geschrieben. Was Krugman in Wirklichkeit (schon mehrmals) gesagt hat, ist: „Economics is not a morality play“. Ein „morality play“, in deutscher Sprache „Moralität“, ist ein Theaterstück mit moralischem oder religiös-lehrhaftem Charakter. Solche Schauspiele waren im Mittelalter sehr beliebt, denn sie dienten dazu, der ungebildeten und des Lesens unkundigen Landbevölkerung christliche Tugenden einzuhämmern. Die Hauptfigur in solchen Stücken wird vor die Wahl zwischen Gut und Böse gestellt, und wenn sie die falsche Wahl trifft, kommt die Quittung in Form von göttlicher Bestrafung. Und genau hier ist der Anknüpfungspunkt zur aktuellen wirtschaftspolitischen Debatte. Konservative Politiker wie Wolfgang Schäuble kommen natürlich aus dieser christlichen Gedankenwelt, in der sich alles immer nur um Sünde und Strafe dreht (Stichwort „Schuldensünder“). In dieser kleinen mittelalterlichen Welt ist alles ganz einfach: Länder wie Griechenland und Spanien haben gesündigt, und jetzt müssen sie eben bestraft worden. Wolfgang Schäuble also quasi als strafender Engel in göttlicher Mission. Krugman sagt nun aber: Nein, so einfach ist es nicht. Wenn Ihr Länder wie Griechenland und Spanien mit der Sparknute züchtigt, dann führt das dazu, dass die europäische (oder gar globale) Wirtschaftskrise nur noch schlimmer wird, und wir leiden alle darunter. Deswegen ist diese Sparbestrafung nicht sinnvoll. Es geht nicht um Gut gegen Böse und göttliche Bestrafung für sündige Schuldner, sondern es geht darum, die Wirtschaftskrise zu überwinden.

All das packt Krugman ziemlich meisterhaft in sein Statement „Economics is not a morality play“. Und die Übersetzung macht daraus „Ökonomie ist kein moralisches Spiel“. Dadurch geht der Sinn nicht nur verloren, er wird sogar vollständig entstellt. Die korrekte Übersetzung lautet: „Ökonomie ist kein mittelalterliches Theaterstück mit moralischem oder religiös-lehrhaftem Charakter, in dem Sünde durch Gott bestraft wird“.

Ich kann allen interessierten Menschen wirklich nur raten, das Buch im englischsprachigen Original zu lesen. Dasselbe gilt natürlich auch für alle anderen englischsprachigen Bücher.

Fehleinschätzung

16. Februar 2012

Gegenüber der Financial Times Deutschland sagt Fabio Fois von Barclays Capital zur Lage in Griechenland:

Die Troika hat massiv unterschätzt, wie dramatisch die Konsolidierung der Konjunktur schadet.

Ich möchte von der Troika gerne mal erklärt bekommen, wie sie zu einer solchen Fehleinschätzung kommen konnte. Mir ist das völlig schleierhaft. Da war wohl reines Wunschdenken die Grundlage für die Politik.

Brandbrief an die Bundesregierung

27. Januar 2012

Die Zeit berichtet über die Erklärung des Kocheler Kreises:

Wenige Tage vor dem EU-Gipfel in Brüssel haben rund 50 Ökonomen und Politiker die Bundesregierung zu einem radikalen Politikwechsel aufgefordert. In einer Erklärung, die ZEIT ONLINE vorliegt, warnen die Unterzeichner vor einem „wirtschaftlich verlorenen Jahrzehnt“ in Europa, sollte Deutschland an seiner bisherigen Politik in der Schuldenkrise festhalten.

Hoffentlich kommt das bei der Bundesregierung an.

Ein Harvard-Professor macht’s vor

6. Januar 2012

Entgegen der Meinung, man könne VWL-Laien nicht die Finanzkrise erklären, weil die kann Mathe können, macht nun der Harvard-Professor Hans-Helmut Kotz vor, wie das durchaus klappen kann. In einem Interview mit Robert Heusinger für die FR erklärt er:

Es beginnt immer mit einigen Banken, die im Überschwang eine Spekulationsblase finanzieren. Diese überziehen, was im Nachhinein, wenn es uninteressant ist, alle Beobachter so würdigen. Dann wird die Aufsicht, die zuvor oft als überflüssige Bürokratie angegriffen wurde, als zu lax angesehen. Da ein Bankrott nicht kontrollierbare Drittwirkungen bei unbeteiligten Dritten hätte – die betroffenen Institute sind zu groß, zu vernetzt – müssen die Staaten, die Gesamtheit der Steuerzahler, eingreifen. Ansonsten drohte der Kollaps. Aus privater wird potentiell staatliche Überschuldung. Irland ist hier das Paradebeispiel. Vor der Krise hatte es Schulden von weniger als 40 Prozent seiner Wertschöpfung, heute von mehr 125 Prozent.

Da, ist doch nicht so schwer, oder? Kotz klingt, als ob er schon mal Hyman Minsky gelesen hätte. Wahrscheinlich hat er das auch, denn die Top-Ökonomen in den USA haben – spät, aber besser als nie – endlich den Wert des lange unterschätzten Minsky erkannt. Leider bekommt Minsky erst postum die Wertschätzung, die er eigentlich schon zu Lebzeiten verdient hätte, aber das ist auch anderen Wissenschaftlern, die ihrer Zeit voraus waren, so gegangen.

Kotz hat noch weitere Botschaften für seine Kollegen in Deutschland, etwa diese:

Jede Volkswirtschaft muss im Rahmen ihrer Möglichkeiten leben. Allerdings: Die künftigen Möglichkeiten, das wirtschaftliche Potential, sind nicht gegeben. Sie hängen unmittelbar davon ab, wie wir die Krise bewältigen. Hier in den USA herrscht weitgehend Konsens unter konservativen wie demokratischen Ökonomen, dass zunächst die Ausbringunglücke – der Abstand zwischen möglicher und tatsächlicher Leistung der Volkswirtschaft – geschlossen werden muss.

Die Hervorhebung stammt von mir. Diese zwei Sätze sollte sich eigentlich jeder Makroökonom täglich wie ein Mantra vorbeten, bis er sie im Schlaf auswendig kann. In einer dynamischen Volkswirtschaft gibt es Pfadabhängigkeiten. Das BIP im Jahr 2015 ist nicht exogen vorgegeben, es hängt davon ab, was in den Jahren 2014, 2013, 2012 und so weiter passiert ist. Und darauf kann die Regierung erheblichen Einfluss nehmen.

Feuerwehr ohne Wasser

15. November 2011

Stellen Sie sich bitte folgende Situation vor: Sie wohnen zur Miete in einem Mehrfamilienhaus. Ihr Vermieter hat seit Jahren seine Sorgfaltspflicht vernachlässigt und überall liegen ungesicherte Stromleitungen herum. Eines Tages gibt es einen Kurzschluss. Durch den Funkenflug bricht ein Feuer aus, das rasch um sich greift und das ganze Haus niederzubrennen droht. Sie rufen die Feuerwehr. Diese kommt herbeigeeilt, packt ihre Schläuche aus und löscht mit reichlich Wasser den Brand. Kurze Zeit später beschwert sich der Vermieter bei Ihnen wegen des Wasserschadens und verlangt von Ihnen eine schriftliche Erklärung, dass sie niemals wieder Wasser zur Brandbekämpfung einsetzen werden. Die ungesicherten Stromleitungen lässt er weiter herumliegen, sodass der nächste Brand nur eine Frage der Zeit ist.

Sie würden Ihren Vermieter für bescheuert halten.

Ihr Vermieter heißt Volker Kauder. Der verlangt nämlich von den Euro-Ländern, dass sie in ihren Verfassungen nach deutschem Vorbild „Schuldenbremsen“ festschreiben. Denn die Ursache für die derzeitigen Turbulenzen an den Finanzmärkten sei die mangelnde „Haushaltsdisziplin“. Das ist natürlich Unsinn. Die Haushaltsdisziplin der meisten Euro-Länder war bis 2008 vorbildlich. Erst durch die Finanzkrise, die durch die Zockerei von mangelhaft kontrollierten Banken verursacht wurde, sind die Staatsschulden explodiert. Die hohen Schuldenquoten sind natürlich nicht schön, aber sie sind nun mal das Ergebnis einer Finanzmarktkrise. Wer den Staaten in Krisenzeiten das Schuldenmachen verbieten will, der verbietet der Feuerwehr den Einsatz von Löschwasser.

Auf die außenpolitischen Konsequenzen von Kauders Äußerungen („Jetzt auf einmal wird in Europa Deutsch gesprochen“) brauche ich wohl nicht näher einzugehen. Das passt aber nahtlos zu den sonstigen außenpolitischen Trampeleien von Merkel und ihrer Mannschaft. Wenn diese Regierung 2013 abgewählt wird, hinterlässt sie ein wirtschafts- und außenpolitisches Trümmerfeld.