Posts Tagged ‘Geldpolitik’

Die amtlichen Inflationszahlen für Oktober

15. November 2013

Bisher gab es nur die Schätzung von 0,7% für den Euroraum bzw. 0,8 Prozent Kerninflation. Seit heute sind auch die amtlichen Zahlen für die einzelnen Mitgliedsstaaten verfügbar.

Griechenland steckt mit -1,9% tief in der Deflation. Zwei weitere Länder sind im Oktober in die Deflationszone gerutscht: Irland von 0,0% auf -0,1% und Zypern von 0,3% auf -0,5%. Spanien und Portugal stehen mit 0,0% (runter von 0,5% bzw. 0,3%) an der Schwelle zur Deflation.

Deflation bedeutet, dass der reale Wert aller Schulden – inklusive der Staatsschulen – zunimmt. Normalerweise können hoch verschuldete Staaten die Inflation nutzen, um damit die reale Schuldenlast zu senken. Griechenland, Irland, Spanien und Portugal können das jetzt nicht. Die EZB hat also gute Gründe für ihre Leitzinssenkung gehabt. Sie stemmt sich mit ihrer Zinssenkung von vergangener Woche gegen die Deflation und wird dafür von deutschen Medien und Ökonomen kritisiert. Deutschland bleibt also seiner Linie treu: keine Gnade für die Peripherie, die Schuldensünder müssen bluten!

Gleichzeitig liegt die Inflation allerdings im angeblich boomenden Deutschland bei mageren 1,2%, während das BIP im 3. Quartal um kümmerliche 0,3% gegenüber dem 2. Quartal gewachsen ist. 1,2% Inflation und 0,3% Wachstum – wie kann man bei solchen Daten GEGEN eine Leitzinssenkung sein?

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Streit um die Geldpolitik

14. Oktober 2013

Die Welt berichtet, dass der IWF zunehmend genervt ist von der Borniertheit einiger Entscheidungsträger bei der EZB, die nach wie vor auf dem ausschließlichen Ziel „Preisstabilität“ herumreiten.

Selbst wenn man dem Ziel „Preisstabilität“ hohe Priorität einräumt, ist gegenwärtig genug Spielraum für eine lockere Geldpolitik vorhanden. Die Inflationsrate liegt im Euroraum bei lediglich 1,1 Prozent, also im kaum noch messbaren Bereich.

Karlsruhe prüft Frankfurt

11. Juni 2013

Oder genauer gesagt: Das Bundesverfassungsgericht (in Karlsruhe) prüft, ob die EZB mit ihrem Programm zum Ankauf von Staatsanleihen gegen die deutsche Verfassung verstoßen hat.

Da ich kein Jurist bin, kann ich nicht beurteilen, ob man sich ans Wort der Verfassung gehalten hat. Als Ökonom frage ich mich aber schon, warum die EZB nicht Staatsanleihen kaufen sollte. In anderen großen Volkswirtschaften gehört es zum Alltag, dass die Zentralbanken unter anderem Staatsanleihen kaufen. Die Fed tut es, die Bank of England tut es, die Bank of Japan tut es… Warum nicht auch die EZB?

Neue Papers, neue Gedanken

6. Juli 2012

Neue Papers zu verschiedenen interessanten Themen.

Thema 1: Ungleichheit der Einkommensverteilung

Engelbert Stockhammer: „Rising Inequality as a Root Cause of the Present Crisis“

Dazu passt:

Christina Anselmann & Hagen M. Krämer: „Completing the Bathtub? The Development of Top Incomes in Germany, 1907-2007“

 

Thema 2: Modern Monetary Theory

Brett Fiebiger, Scott Fullwiler, Stephanie Kelton, L. Randall Wray: „Modern Monetary Theory: A Debate“

 

Thema 3: Biology and (Evolutionary) Economics

John M. Gowdy, Denise E. Dollimore, David Sloan Wilson, Ulrich Witt: „Economic Cosmology and the Evolutionary Challenge“

 

Inflation im Euroraum rückläufig

19. Januar 2012

Die schlimmen Befürchtungen der „Inflationsfalken“ sind auch im Dezember 2011 nicht wahr geworden. Eurostat teilt uns die neuesten Zahlen mit. Danach ist die Inflation im Euroraum auf 2,7% gesunken, im November hatte sie noch bei 3,0% gelegen. Zugegeben, das ist immer noch über der EZB-Zielmarke von 2,0%. Aber die Ursachen für die Inflation sind immer noch dieselben wie im letzten Jahr: die gestiegenen Mineralölpreise. Eurostat drückt das folgendermaßen aus:

Bei den Teilindizes hatten Kraftstoffe für Verkehrsmittel (+0,30 Prozentpunkte), Flüssige Brennstoffe (+0,15) sowie Gas und Elektrizität (je +0,12) die stärkste Steigerungswirkung auf die Gesamtinflation.

Wenn ich diese Beträge von der Inflationsrate abziehe, komme ich auf haargenau 2,01%. Das wiederum ist extrem nah an der Zielmarke. Es ist also noch immer keine Lohn-Preis-Spirale in Sicht. Gleichzeitig stehen in zahlreichen Euro-Ländern die Zeichen auf Rezession. Die EZB tut also gut daran, weiterhin eine expansive Geldpolitik zu verfolgen.

Auch Clemens Fuest reiht sich in die Gruppe der „Nicht-Inflations-Befürchter“ ein

11. Januar 2012

Auf Spiegel Online gibt er ein Interview zu den gestiegenen Konsumausgaben in Deutschland. Das Interview plätschert in weiten Teilen eher gemächlich vor sich hin, die Bombe läßt er allerdings im letzen Absatz platzen:

Wir müssen darauf setzen, dass eine ordentliche Wirtschaftsentwicklung in Nordeuropa die Rezession im Süden auffangen kann und die EZB durch eine Lockerung der Geldpolitik ihren Beitrag leistet. (Hervorhebung von mir)

Da klingt er aber deutlich anders als die traditionell in Deutschland dominierenden „Inflationsfalken“, die aus der EZB eine reine Inflationsbekämpfungsmaschinerie machen wollen. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass er dank seiner jahrelangen Auslandserfahrung in Oxford eine eher pragmatische Sichtweise auf die Rolle der Zentralbank gewonnen hat.

Verfehlte Geldpolitik

7. Juli 2011

Die EZB sendet ein Machtsignal und erhöht erneut den Leitzins, diesmal von 1,25 Prozent auf 1,5 Prozent. Damit will sie ihren Ruf als scharfer Wachhund über die Preisentwicklung stärken. Laut Zielsetzung der EZB soll die Inflation im Euroraum nämlich nicht über zwei Prozent liegen. Tatsächlich liegt sie aber schon seit Ende 2010 über dieser Marke. Deswegen sah die EZB sich wohl in der Pflicht, ein deutliches Signal zu senden.

Es ist ein verheerendes Signal.

Der Euroraum braucht in der gegenwärtigen Lage keine scharfen Inflationswächter; er braucht Wirtschaftswachstum, und zwar dringend. Eine Zinserhöhung macht aber Investitionen teurer und schadet somit der Konjunktur. Sie ist auch gar nicht notwendig, denn wir haben trotz allem noch immer kein Inflationsproblem. Ein solches entsteht nur dann, wenn steigende Güterpreise zu höheren Lohnabschlüssen führen und die Unternehmen darauf reagieren, indem sie die steigenden Arbeitskosten wiederum durch höhere Güterpreise zu kompensieren versuchen. In einer solchen Lage kommt eine zu Recht gefürchtete Lohn-Preis-Spirale in Gang, die nur sehr schwer wieder aufzubrechen ist.

Abb. 1: Inflation im Euroraum seit 2010

Datenquelle: Eurostat

Davon kann aber in der gegenwärtige Lage noch immer keine Rede sein. Abb. 1 zeigt die Entwicklung der Verbraucherpreise im Euroraum seit Anfang 2010 in Monatsschritten. Die allgemeine Inflationsrate ist in diesem Zeitraum von ca. 1 Prozent stetig angestiegen und liegt nunmehr bei 2,7 Prozent. Das ist es, was der EZB Sorgen bereitet. Die Abbildung zeigt aber auch, dass die Inflation vor allem von den Energiepreisen getrieben wurde, die seit Mitte 2010 um mehr als 6 Prozent, seit Anfang 2011 sogar um mehr als 10 Prozent pro Jahr zunehmen. Dagegen liegt die Kerninflationsrate, bei der die traditionell volatilen Preise von Energie und Lebensmitteln sowie Getränken und Tabakwaren herausgerechnet werden, noch immer deutlich unter 2 Prozent. Sie ist von 1,6 Prozent im April 2011 sogar wieder auf 1,5 Prozent gefallen.

Die gegenwärtig hohe Inflationsrate ist demnach fast ausschließlich auf den massiven Anstieg der Energiepreise zurückzuführen. Steigende Löhne sind nicht das Problem, denn diese würden sich in einem Anstieg aller Güterpreise niederschlagen. Die Kerninflation bleibt aber nach wie vor deutlich unter den angestrebten zwei Prozent. Insofern besteht kein Anlass zu einer restriktiven Geldpolitik. Die Zinserhöhung der EZB hat also keine ökonomische Begründung, sie dient wohl eher der Imagepflege.

Das Auf und Ab an den Rohstoffmärkten hat fast keinen Einfluss auf die Kerninflationsrate

13. April 2011

Paul Krugman verweist auf ein kurzes Paper zum Thema:

Since the mid-1980s, however, sharp increases and decreases in commodity prices have had little, if any, impact on core inflation, the measure that excludes food and energy prices.

Das heißt: Das Auf und Ab an den Rohstoffmärkten hat (fast) keinen Einfluss auf die Kerninflationsrate. Man muss deswegen nicht auf jeden Anstieg der Rohstoffpreise mit einer restriktiven Geldpolitik reagieren.

Zinserhöhung in Euroland

8. April 2011

Der Economist kommentiert:

The rationale for the move is in any case far from convincing. Yes, inflation has risen to 2.6%, above the bank’s target of a bit below 2%. But as Jean-Claude Trichet, the ECB’s president, said today, the increase in inflation in early 2011 has largely reflected higher commodity prices. Unless these set off a wage-price spiral, they should have a temporary rather than enduring effect on inflation.

Keine Angst vor der Inflation

6. April 2011

Nein, ich habe noch immer keine Angst vor der Inflationsentwicklung im Euroraum, und erst recht nicht in Deutschland.

Die Daten sind alle bei Eurostat verfügbar. Nur leider machen sich nur die wenigsten Kommentatoren die Mühe, dort mal wirklich nachzusehen, was los ist. Mit der „Inflationsrate“ ist normalerweise die Entwicklung der Harmonisierten Verbraucherpreisindizes (HVPI) gemeint. Diese berechnet sich auf der Grundlage von repräsentativen Warenkörben, die alle möglichen Güter des täglichen Gebrauchs enthalten. Darunter befinden sich auch mit einigem Gewicht solche Güter wie Energie und Lebensmittel. Warum ist das ein Problem? Weil die Preisbildung bei diesen Gütern ganz anders funktioniert als bei den Gütern des verarbeitenden Gewerbes oder den Dienstleistungen, wo der Löwenanteil der Beschäftigten arbeitet. Deswegen beurteilt man die Gefahren einer sich verfestigenden Inflation besser anhand der sogenannten Kerninflationsrate. Bei ihr werden Energie und Lebensmittel (und Alkohol sowie Tabakwaren) herausgerechnet. Daraus ergibt sich folgendes Bild für den Euroraum im Februar 2011:

HVPI: 1,9% (Steigerung gegenüber dem Vorjahresmonat)

Energiepreise: 11%

Nahrungsmittel, Alkohol und Tabakwaren: 2,3%

Kerninflationsrate: 1%

Die Kerninflationsrate liegt bei einem läppischen Prozent. Wir sind weit, weit weg von einer bedrohlichen Inflationsentwicklung. Andererseits steht die Konjunktur in vielen EU-Ländern (besonders in denen, die unter einem aufgezwungenen Austerittsprogramm leiden) auf sehr wackligen Beinen. In einer solchen Lage darf die EZB nicht mal an Zinserhöhungen denken.