Posts Tagged ‘Austerität’

1936 und 2016

11. Dezember 2016

Larry Elliott: Keynesian economics: is it time for the theory to rise from the dead?

John Maynard Keynes penned his General Theory in 1936. Faced with the upheaval of 2016, what would a cryogenically frozen Keynes do?

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Griechenland sagt „Ochi“

6. Juli 2015

Griechenland überrascht mich – und zwar positiv. Das deutliche Votum interpretiere ich als klares „Nein“ an die bislang praktizierte Austeritätspolitik.

Die Welt wäre ein besserer Ort, wenn führende SPD-Politiker die Studien ihrer parteinahen Friedrich-Ebert-Stiftung läsen

3. Juli 2015

Dirk Ehnts beschäftigst sich in einer aktuellen Studie im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung mit der Geld- und Fiskalpolitik im Euroraum. Sein Fazit:

Möchte man die Nachfrageschwäche nicht auf Kosten des Auslands beheben und fällt eine weitere Erhöhung der Verschuldung des inländischen privaten Sektors zur Belebung des Wirtschaftskreislaufes aus, bleibt zur Überwindung der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise kurz- bis mittelfristig nur eine Erhöhung der öffentlichen Ausgaben und damit der öffentlichen Verschuldung.
Das wäre also die Abkehr von der Austerität bzw. Sparpolitik. Trotzdem bleibt die SPD-Spitze mit ihren öffentlichen Äußerungen hartnäckig beim alten Kurs und verteidigt die Fortsetzung der Sparpolitik. Schade.

Sparen macht krank

22. Februar 2014

Spiegel Online berichtet über eine neue Studie über die Auswirkungen der Austeritätspolitik auf die Gesundheit der Griechen. Die Ergebnisse sind schockierend:

Demnach hat die drastische Sparpolitik während der seit sechs Jahren andauernden Krise in Griechenland verheerende Folgen für die Gesundheit der Bevölkerung. […]

In Griechenland traf dieser rigide Sparkurs vor allem Vorsorgeprogramme hart: So wurde die Ausgabe von Spritzen und Kondomen an Drogenabhängige gekürzt. Die Folge: Die Zahl der HIV-Neuinfektionen unter denen, die Drogen spritzen, stieg von 15 im Jahr 2009 auf 484 drei Jahre später. Den Krankenhäusern wurde das Budget um ein Viertel reduziert, die Ausgaben für Medikamente wurden auf die Hälfte zusammengestrichen. […]

Auch die Säuglingssterblichkeit ist den Zahlen zufolge um 43 Prozent gestiegen.

Diese Entwicklungen sind nicht akzeptabel. Ich erwarte und verlange von den Parteien, die im Main zur Europawahl antreten, konkrete Vorschläge zur Verbesserung.

Wie das außenwirtschaftliche Gleichgewicht abhanden kam

10. Februar 2014

Ein neues Paper von Jose Luis Diaz Sanchez, Aristomene Varoudakis kommt zu dem Fazit:

Imbalances in the Eurozone periphery were mainly driven by a domestic demand boom, triggered by greater financial integration, with changes in the periphery’s competitiveness playing only a minor role. Internal devaluation may thus have been of limited effectiveness in restoring external balances, although better external competitiveness may eventually boost medium-term growth.

Insofern ist die Strategie der internen Abwertung, wie sie in Griechenland und Spanien gerade versucht wird, nicht besonders sinnvoll. Sie ist sogar überaus kontraproduktiv, wenn sie zur Deflation führt und dadurch den realen Wert der nominalen Schulden erhöhrt.

Wie der Sparkurs in andere Länder „überschwappt“

24. Oktober 2013

„Spillover effects“ zwischen verschiedenen ökonomischen Einheiten entstehen immer dann, wenn die Entwicklung der einen Einheit sich auf die Entwicklung von anderen Einheiten auswirkt. Diese Effekte können positiv sein, beispielsweise wenn ein Unternehmen neue Technologien entwickelt die auch von anderen Unternehmen genutzt werden können. Sie können auch negativ sein, beispielsweise wenn einzelne EU-Staaten einen halsbrecherischen Sparkurs einschlagen und damit nicht nur die Nachfrage im eigenen Land sondern auch in den Nachbarländern schwächen.

Erste Modellrechnungen gibt es mittlerweile in einem Diskussionspapier der EU-Kommission zu sehen. Fazit: „spillover effects from simultaneous consolidations in all euro area countries at the same time have further exacerbated the recession in programme and vulnerable countries. […] The negative spillover effects from consolidations in surplus countries raises the question whether a temporary stimulus in AAA-rated countries could help the required rebalancing process in the euro area. […] it would support growth in the core countries and spillovers to the periphery countries would ease their adjustment“.

Ein interessanter Vorschlag.

Reinhart-Rogoff und die Sparpolitik

28. Juni 2013

Wie ich höre, hat die Zeit in ihrer gestrigen Ausgabe einen dreiseitigen Artikel über das Reinhart-Rogoff-Paper und die damit begründete Sparpolitk. Das nehme ich mal zum Anlass, hier die wesentlichen Links zu sammeln:

Hier ist das Paper von Carmen Reinhart und Ken Rogoff. Main Finding: „Our main result is that whereas the link between growth and debt seems relatively weak at “normal” debt levels, median growth rates for countries with public debt over roughly 90 percent of GDP are about one percent lower than otherwise; average (mean) growth rates are several percent lower“. Fazit: „this would suggest that traditional debt management issues should be at the forefront of public policy concerns“.

Bestimmte Politiker – vor allem in Europa – haben dies zum Anlass genommen, eine harte Sparpolitik zu forcieren, selbst wenn dadurch enorme Verluste an Arbeitsplätzen entstehen. Auch die Europäische Zentralbank hat noch in ihrem „March Bulletin“ so argumentiert: „One aggravating factor highlighted by recent empirical researchis the adverse effect that high public debt may have on long-term growth, particularly once the debt ratio has crossed certain thresholds“ (S. 83). Die Empfehlung der EZB lautet deswegen: „this evidence reinforces the importance of reducing public debt to restore fiscal sustainability […] In the current economic environment, ambitious strategies for debt reduction are of the essence. If governments instead choose to postpone fiscal adjustment, this will underminegrowth prospects and put an additional burden on fiscal sustainability“ (S. 84).

Natürlich gab es die ganze Zeit Ökonomen, die sich gegen eine überzogene Sparpolitik wandten und auf deren schädliche Folgen aufmerksam machten, beispielsweise der Kocheler Kreis in seiner Erklärung vom Januar 2012: „Diese Politik beschädigt nicht nur die Nachfragedynamik in Europa, sondern über Kürzungen in Bildung und Investitionen und durch die Verfestigung der Arbeitslosigkeit auch die Angebotspotenziale. […] Die bisherige Politik setzt zu einseitig auf immer neue Sparpakete, vernachlässigt die Förderung von Wirtschaftswachstum und ignoriert die tieferen Ursachen der Staatsschuldenkrise, nämlich die seit über einem Jahrzehnt gewachsenen Divergenzen bei Lohnstückkosten und Leistungsbilanzsalden in Europa“.

Die Politik blieb auf ihrem Sparkurs.

Nun hat sich mittlerweile herausgestellt, dass das Paper von Reinhart und Rogoff massive methodische Schwächen hat. Diese Erkenntnis haben wir einem Review-Artikel von Thomas Herndon, Michael Ash und Robert Pollin zu verdanken. Diese schreiben: „We replicate Reinhart and Rogoff (2010a and 2010b) and find that coding errors, selective exclusion of available data, and unconventional weighting of summary statistics lead to serious errors that inaccurately represent the relationship between public debt and GDP growth […] contrary to RR, average GDP growth at public debt/GDP ratios over 90 percent is not dramatically di erent than when debt/GDP ratios are lower“. Den von der EZB vermuteten „Threshold“ gibt es also nicht.

Sehenswert ist der von Mike Konczal hergestellte Screenshort, der den Fehler im Excel-Spreadsheet von Reinhart und Rogoff zeigt.

Außerdem hat der Chefvolkswirt des IWF, Olivier Blanchard, mittlerweile zugegeben, dass die negativen Wachstumseffekte der Sparpolitik unterschätzt wurden. Das steht nachzulesen im „World Economic Outlook 2012“ (Box 1.1, S. 41-43): „With many economies in fiscal consolidation mode, a debate has been raging about the size of fiscal multipliers. The smaller the multipliers, the less costly the fiscal consolidation. At the same time, activity has disappointed in a number of economies undertaking fiscal consolidation. So a natural question is whether the negative short-term effects of fiscal cutbacks have been larger than expected because fiscal multipliers were underestimated“. In der Tat. Und das Ergebnis von Blanchard und seinem Co-Autoren Daniel Leigh lautet: „the multipliers used in generating growth forecasts have been systematically too low since the start of the Great Recession“.

Um es auf den Punkt zu bringen: Die negativen Wachstumseffekte der Staatschulden wurden überschätzt, die negativen Wachstumseeffekte der Sparpolitik wurden unterschätzt. Daraus lässt sich vernünftigerweise nur ein Schluss ziehen: Wir brauchen weniger Sparpolitik.

Merkel und der Terminator

22. Juni 2012

Angela Merkel ist schon mit vielen verglichen worden, u.a. mit Hitler (natürlich) und dem „Hungerkanzler“ Brüning (wegen seiner Sparpolitik).

Neu ist die Idee des „New Statesman„, der Merkel zum Terminator macht:

Das Bild ziert einen Kommentar von Mehdi Hasan, der – nicht als einziger – vor den fatalen Folgen der Merkelschen Sparen-um-jeden-Preis-Politik warnt.

Kein schlechter Vergleich: Merkel und die gewissenlose Maschine in Menschengestalt, die nur ihrer Programmierung dient und weder Mitgefühl noch Reue kennt. Aber es gibt noch Hoffnung, denn im zweiten Teil wird der Terminator dank einer von John Connor vorgenommenen Umprogrammierung vom gnadenlosen Killer zum selbstlosen Beschützer, und gegen Ende des Films erlernt sogar die herzlose Maschine ein wenig Menschlichkeit („I know now why you cry„). Vielleicht geht das auch mit Merkel?

Paul Krugman demontiert die britischen Konservativen

1. Juni 2012

Live in der BBC: http://www.bbc.co.uk/news/business-18281669

Wenn wir in Deutschland solche Talkshows hätten, würde ich mir vielleicht wieder einen Fernseher anschaffen.

Krugman bitte nur im englischsprachigen Original lesen (genau wie alle anderen englischsprachigen Autoren)

9. Mai 2012

Martin Greive schreibt für Welt Online einen Artikel über das neue Buch von Paul Krugman. Schön, dass er sich damit beschäftigt. Schade aber, dass er Krugman teilweise missverstanden hat.

Das fehlende Verständnis hängt vermutlich auch damit zusammen, dass Greive offenbar nicht die Originalausgabe sondern die deutschsprachige Übersetzung gelesen hat. Das ist ein Fehler. Es fängt schon beim Titel an. Im Original lautet dieser „End This Depression Now!“, der deutsche Campus-Verlag hingegen vertreibt ein Buch mit dem Titel „Vergesst die Krise!: Warum wir jetzt Geld ausgeben müssen“. Durch das Hinzufügen des selten dämlichen Untertitels ist man gleich wieder auf dem in Deutschland für makroökonomische Themen üblichen Diskursniveau angekommen.

Der Autor Martin Greive outet sich dann endgültig als Übersetzungsleser, als er Krugman mit dem Satz „Ökonomie ist kein moralisches Spiel“ zitiert. Das hat Krugman aber niemals so gesagt oder geschrieben. Was Krugman in Wirklichkeit (schon mehrmals) gesagt hat, ist: „Economics is not a morality play“. Ein „morality play“, in deutscher Sprache „Moralität“, ist ein Theaterstück mit moralischem oder religiös-lehrhaftem Charakter. Solche Schauspiele waren im Mittelalter sehr beliebt, denn sie dienten dazu, der ungebildeten und des Lesens unkundigen Landbevölkerung christliche Tugenden einzuhämmern. Die Hauptfigur in solchen Stücken wird vor die Wahl zwischen Gut und Böse gestellt, und wenn sie die falsche Wahl trifft, kommt die Quittung in Form von göttlicher Bestrafung. Und genau hier ist der Anknüpfungspunkt zur aktuellen wirtschaftspolitischen Debatte. Konservative Politiker wie Wolfgang Schäuble kommen natürlich aus dieser christlichen Gedankenwelt, in der sich alles immer nur um Sünde und Strafe dreht (Stichwort „Schuldensünder“). In dieser kleinen mittelalterlichen Welt ist alles ganz einfach: Länder wie Griechenland und Spanien haben gesündigt, und jetzt müssen sie eben bestraft worden. Wolfgang Schäuble also quasi als strafender Engel in göttlicher Mission. Krugman sagt nun aber: Nein, so einfach ist es nicht. Wenn Ihr Länder wie Griechenland und Spanien mit der Sparknute züchtigt, dann führt das dazu, dass die europäische (oder gar globale) Wirtschaftskrise nur noch schlimmer wird, und wir leiden alle darunter. Deswegen ist diese Sparbestrafung nicht sinnvoll. Es geht nicht um Gut gegen Böse und göttliche Bestrafung für sündige Schuldner, sondern es geht darum, die Wirtschaftskrise zu überwinden.

All das packt Krugman ziemlich meisterhaft in sein Statement „Economics is not a morality play“. Und die Übersetzung macht daraus „Ökonomie ist kein moralisches Spiel“. Dadurch geht der Sinn nicht nur verloren, er wird sogar vollständig entstellt. Die korrekte Übersetzung lautet: „Ökonomie ist kein mittelalterliches Theaterstück mit moralischem oder religiös-lehrhaftem Charakter, in dem Sünde durch Gott bestraft wird“.

Ich kann allen interessierten Menschen wirklich nur raten, das Buch im englischsprachigen Original zu lesen. Dasselbe gilt natürlich auch für alle anderen englischsprachigen Bücher.