Archive for November 2013

Was im Koalitionsvertrag stehen sollte

28. November 2013

Was im Koalitionsvertrag stehen sollte:

Die europäische Wirtschaft befindet sich seit mehreren Jahren in einer Phase der Stagnation. Die Ursache dafür waren außenwirtschaftliche Ungleichgewichte sowie eine durch mangelhafte Regulierung begünstigte Finanz- und Bankenkrise. Als Folge daraus findet beim BIP nahezu kein Wachstum mehr statt, es wachsen stattdessen die Arbeitslosenzahlen und die Staatsverschuldung. Gleichzeitig sinkt die Inflationsrate; es droht eine Deflation mit den bekannten Folgen. Die Geldpolitik kann kaum noch gegensteuern, da die herkömmliche Methode zur Konjunkturbelebung – die Leitzinssenkung – mehr oder weniger ausgeschöpft ist. Das einzige, was die europäische Wirtschaft aus ihrer langwierigen Stagnation befreien kann, ist eine expansive Fiskalpolitik mit Investitionen in sinnvollen Bereiche wie z.B. nachhaltige Energieversorgung und Infrastruktur. Diese kurzfristige Symptomkur muss begleitet werden von einer gründlichen Reform der Finanzmärkte, einer besseren Koordinierung der Wirtschaftspolitik in der EU und weiteren Maßnahmen, die ich aus Zeitgründen an dieser Stelle nicht komplett auflisten möchte.

Was tatsächlich drinsteht:

Damit Europa dauerhaft einen Weg aus der Krise findet, ist ein umfassender politischer Ansatz erforderlich, der Strukturreformen für mehr Wettbewerbsfähigkeit und eine strikte, nachhaltige Haushaltskonsolidierung mit Zukunftsinvestitionen in Wachstum und Beschäftigung in sozial ausgewogener Weise verbindet. […] Eine verbesserte Wettbewerbsfähigkeit durch Strukturreformen und nachhaltige Zukunftsinvestitionen sind der Schlüssel Europas zum Wachstum. Nationale und europäische Anstrengungen müssen Hand in Hand gehen. Wir bekennen uns zu den Regeln des gestärkten Stabilitäts- und Wachstumspakts. Dessen glaubwürdige Anwendung ist das Fundament für eine dauerhaft stabile gemeinsame Währung. Die Glaubwürdigkeit unseres Handelns erfordert eine an Nachhaltigkeitskriterien ausgerichtete Haushalts- und Wirtschaftspolitik. Die hohen Staatsschuldenquoten der Euroländer müssen daher zurückgeführt werden. Das ist eine der Lehren aus der aktuellen Krise. Die Politik der Haushaltskonsolidierung muss fortgesetzt werden und mit Reformen für strukturelles Wachstum und nachhaltigen Zukunftsinvestitionen kombiniert werden.

Das ist, mit Verlaub gesagt, keine Kompetenznachweis.

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Pfadabhängigkeit beim Schreiben von Lehrbüchern

25. November 2013

Paul Krugman schreibt:

For historical reasons, economists doing international macro usually measure the exchange rate as the price of foreign currency, e.g., for Mexico it’s pesos per dollar. As a result, on your diagrams, when your currency goes down, the exchange rate goes up. Everyone else, including other economists, hates this convention. Yet it’s nearly impossible to change it in the textbooks without upsetting thousands of course instructors.

Wenn der Wechselkurs steigtm, wertet die Währung ab. Das hat schon ganze Generationen von Studenten (mich eingeschlossen) in den Wahnsinn getrieben. Aber geteiltes Leid ist bekanntlich halbes Leid. Deswegen tut es gut zu wissen, dass selbst die Autoren des von mir verwendeten Lehrbuchs diese Konvention verwirrend finden.

Heiner Flassbeck wirft wichtige Fragen auf

21. November 2013

In einem offenen Brief an Sigmar Gabriel fragt er:

Was sagt die SPD zu der Forderung der Kanzlerin, die anderen Länder in Europa müssten jetzt so wettbewerbsfähig werden wie Deutschland und ihre Löhne senken? Können alle gleichzeitig ihre Schulden verringern und Überschüsse in den Leistungsbilanzen haben? Können die Staaten bei ihrer Verschuldung ignorieren, ob die anderen Sektoren der Volkswirtschaft sparen, insbesondere die Unternehmen? Ist die Politik der Agenda 2010 auf ganz Europa übertragbar oder nicht? Wird es dann Deflation geben oder nicht? Wird der Euro aufwerten oder nicht? Ist das, was mittlerweile in vielen Teilen der Welt der neue deutsche Merkantilismus genannt wird, die Position der SPD?

Wichtige Fragen. Ich hoffe auf eine baldige Beantwortung und eine Klarstellung der SPD-Position.

Die amtlichen Inflationszahlen für Oktober

15. November 2013

Bisher gab es nur die Schätzung von 0,7% für den Euroraum bzw. 0,8 Prozent Kerninflation. Seit heute sind auch die amtlichen Zahlen für die einzelnen Mitgliedsstaaten verfügbar.

Griechenland steckt mit -1,9% tief in der Deflation. Zwei weitere Länder sind im Oktober in die Deflationszone gerutscht: Irland von 0,0% auf -0,1% und Zypern von 0,3% auf -0,5%. Spanien und Portugal stehen mit 0,0% (runter von 0,5% bzw. 0,3%) an der Schwelle zur Deflation.

Deflation bedeutet, dass der reale Wert aller Schulden – inklusive der Staatsschulen – zunimmt. Normalerweise können hoch verschuldete Staaten die Inflation nutzen, um damit die reale Schuldenlast zu senken. Griechenland, Irland, Spanien und Portugal können das jetzt nicht. Die EZB hat also gute Gründe für ihre Leitzinssenkung gehabt. Sie stemmt sich mit ihrer Zinssenkung von vergangener Woche gegen die Deflation und wird dafür von deutschen Medien und Ökonomen kritisiert. Deutschland bleibt also seiner Linie treu: keine Gnade für die Peripherie, die Schuldensünder müssen bluten!

Gleichzeitig liegt die Inflation allerdings im angeblich boomenden Deutschland bei mageren 1,2%, während das BIP im 3. Quartal um kümmerliche 0,3% gegenüber dem 2. Quartal gewachsen ist. 1,2% Inflation und 0,3% Wachstum – wie kann man bei solchen Daten GEGEN eine Leitzinssenkung sein?

Kurz notiert: Volkswirtschaftslehre ist nicht Marktlehre

14. November 2013

Einige Menschen denken anscheinend, bei der Volkswirtschaftslehre ginge es einzig und allein darum, die Funktionsweise eines Marktes zu erklären.

Das stimmt aber nicht. Wenn dem so wäre, würde man von „Marktlehre“ sprechen. Das Fach heißt aber „Volkswirtschaftslehre“.

Märkte spielen selbstverständlich eine wichtige Rolle. Ihre Bedeutung wird aber in vielen Lehrbüchern und Vorlesungen bei weitem übertrieben. Ich halte es nicht für sinnvoll, beispielsweise in einem Kurs „Mikroökonomie“ 90% der Zeit mit dem Zeichnen von Angebotskurven und Nachfragekurven zu verbringen. Stattdessen würde ich viel mehr Zeit damit verbringen, das Verhalten von einzelnen Haushalten und Unternehmen zu analysieren.