Archive for Juni 2013

Reinhart-Rogoff und die Sparpolitik

28. Juni 2013

Wie ich höre, hat die Zeit in ihrer gestrigen Ausgabe einen dreiseitigen Artikel über das Reinhart-Rogoff-Paper und die damit begründete Sparpolitk. Das nehme ich mal zum Anlass, hier die wesentlichen Links zu sammeln:

Hier ist das Paper von Carmen Reinhart und Ken Rogoff. Main Finding: „Our main result is that whereas the link between growth and debt seems relatively weak at “normal” debt levels, median growth rates for countries with public debt over roughly 90 percent of GDP are about one percent lower than otherwise; average (mean) growth rates are several percent lower“. Fazit: „this would suggest that traditional debt management issues should be at the forefront of public policy concerns“.

Bestimmte Politiker – vor allem in Europa – haben dies zum Anlass genommen, eine harte Sparpolitik zu forcieren, selbst wenn dadurch enorme Verluste an Arbeitsplätzen entstehen. Auch die Europäische Zentralbank hat noch in ihrem „March Bulletin“ so argumentiert: „One aggravating factor highlighted by recent empirical researchis the adverse effect that high public debt may have on long-term growth, particularly once the debt ratio has crossed certain thresholds“ (S. 83). Die Empfehlung der EZB lautet deswegen: „this evidence reinforces the importance of reducing public debt to restore fiscal sustainability […] In the current economic environment, ambitious strategies for debt reduction are of the essence. If governments instead choose to postpone fiscal adjustment, this will underminegrowth prospects and put an additional burden on fiscal sustainability“ (S. 84).

Natürlich gab es die ganze Zeit Ökonomen, die sich gegen eine überzogene Sparpolitik wandten und auf deren schädliche Folgen aufmerksam machten, beispielsweise der Kocheler Kreis in seiner Erklärung vom Januar 2012: „Diese Politik beschädigt nicht nur die Nachfragedynamik in Europa, sondern über Kürzungen in Bildung und Investitionen und durch die Verfestigung der Arbeitslosigkeit auch die Angebotspotenziale. […] Die bisherige Politik setzt zu einseitig auf immer neue Sparpakete, vernachlässigt die Förderung von Wirtschaftswachstum und ignoriert die tieferen Ursachen der Staatsschuldenkrise, nämlich die seit über einem Jahrzehnt gewachsenen Divergenzen bei Lohnstückkosten und Leistungsbilanzsalden in Europa“.

Die Politik blieb auf ihrem Sparkurs.

Nun hat sich mittlerweile herausgestellt, dass das Paper von Reinhart und Rogoff massive methodische Schwächen hat. Diese Erkenntnis haben wir einem Review-Artikel von Thomas Herndon, Michael Ash und Robert Pollin zu verdanken. Diese schreiben: „We replicate Reinhart and Rogoff (2010a and 2010b) and find that coding errors, selective exclusion of available data, and unconventional weighting of summary statistics lead to serious errors that inaccurately represent the relationship between public debt and GDP growth […] contrary to RR, average GDP growth at public debt/GDP ratios over 90 percent is not dramatically di erent than when debt/GDP ratios are lower“. Den von der EZB vermuteten „Threshold“ gibt es also nicht.

Sehenswert ist der von Mike Konczal hergestellte Screenshort, der den Fehler im Excel-Spreadsheet von Reinhart und Rogoff zeigt.

Außerdem hat der Chefvolkswirt des IWF, Olivier Blanchard, mittlerweile zugegeben, dass die negativen Wachstumseffekte der Sparpolitik unterschätzt wurden. Das steht nachzulesen im „World Economic Outlook 2012“ (Box 1.1, S. 41-43): „With many economies in fiscal consolidation mode, a debate has been raging about the size of fiscal multipliers. The smaller the multipliers, the less costly the fiscal consolidation. At the same time, activity has disappointed in a number of economies undertaking fiscal consolidation. So a natural question is whether the negative short-term effects of fiscal cutbacks have been larger than expected because fiscal multipliers were underestimated“. In der Tat. Und das Ergebnis von Blanchard und seinem Co-Autoren Daniel Leigh lautet: „the multipliers used in generating growth forecasts have been systematically too low since the start of the Great Recession“.

Um es auf den Punkt zu bringen: Die negativen Wachstumseffekte der Staatschulden wurden überschätzt, die negativen Wachstumseeffekte der Sparpolitik wurden unterschätzt. Daraus lässt sich vernünftigerweise nur ein Schluss ziehen: Wir brauchen weniger Sparpolitik.

Iain Banks ist tot

11. Juni 2013

Eine traurige Nachricht für alle Science-Fiction-Fans: Iain Banks ist vor zwei Tagen gestorben.

Er hat die Welt mit seinem Werk enorm bereichert. Nur Iain Banks konnte sich Raumschiffe mit Namen wie „All Through With This Niceness And Negotiation Stuff“ ausdenken. Und nur er konnte ein Meisterwerk wie „Excession“ schreiben. Besser geht SF nicht.

Iain Banks wird unvergessen bleiben.

Karlsruhe prüft Frankfurt

11. Juni 2013

Oder genauer gesagt: Das Bundesverfassungsgericht (in Karlsruhe) prüft, ob die EZB mit ihrem Programm zum Ankauf von Staatsanleihen gegen die deutsche Verfassung verstoßen hat.

Da ich kein Jurist bin, kann ich nicht beurteilen, ob man sich ans Wort der Verfassung gehalten hat. Als Ökonom frage ich mich aber schon, warum die EZB nicht Staatsanleihen kaufen sollte. In anderen großen Volkswirtschaften gehört es zum Alltag, dass die Zentralbanken unter anderem Staatsanleihen kaufen. Die Fed tut es, die Bank of England tut es, die Bank of Japan tut es… Warum nicht auch die EZB?

Eine mögliche Klausurfrage

7. Juni 2013

Verwenden Sie die von Blanchard & Illing beschriebene makroökonomische Theorie.

Nehmen Sie an, dass Sie für die Fiskalpolitik einer Volkswirtschaft zuständig sind. Ihre Volkswirtschaft weist eine jährliche Inflationsrate von 1,4% und ein reales BIP-Wachstum von -0,2% zum Vorquartal bzw. -1,1% zum selben Quartal des Vorjahres auf. Die Zinsen befinden sich auf einem historisch niedrigen Niveau; ihre Volkswirtschaft steht am Rande einer Liquiditätsfalle.

a) Würden Sie sich für eine expansive Fiskalpolitik oder eine restriktive Fiskalpolitik entscheiden?

b) Die oben genannten Zahlen geben die tatsächliche Situation des Euroraums im Juni 2013 wieder. Können Sie erklären, warum die Fiskalpolitik in dieser Volkswirtschaft restriktiv angelegt ist?

c) Vergleichen Sie Ihre Antwort auf (b) mit Ihrer Antwort auf (a). Welche Empfehlung haben Sie für die Fiskalpolitik im Euroraum?

Depression und Demokratie

7. Juni 2013

Wieder einmal zeigt sich, dass man aus der Geschichte viel lernen ksnn. Alan de Bromhead, Barry Eichengreen und Kevin O’Rourke haben in einem neuen Paper den Zusammenhang zwischen dem Wirtschaftswachstum und dem Wahlerfolg extremistischer Parteien zu Zeiten der „Great Depression“ untersucht. Ergebnis: der vermutete Zusammenhang besteht.

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