Warum ich keine deutschen Lehrbücher lese

Ich mag die deutsche Sprache wirklich gern, aber deutsche Lehrbücher – egal in welchem Fach – lese ich aus Prinzip nicht. Auch sonst vermeide ich deutschsprachige Texte meistens, sie sind einfach viel zu umständlich geschrieben. Deutsche Autoren haben eine unwahrscheinliche Lust daran, völlig simple und triviale Gedanken in Wort- und Satzungetüme zu verpacken, die man nur mit extrem anstrenger und zeitraubender Exegese entschlüsseln kann. Jedenfalls geht es mir so. In der Zeit, die ich für einen deutschsprachigen Artikel brauche, kann ich fünf englische lesen.

Aber nicht nur beim Schreiben und Formulieren machen die Deutschen es sich und ihren Lesern schwer. Nein, die schlimmsten Hürden werden beim Zitieren aufgebaut. Ein Beispiel gefällig? Heute lese ich (es ließ sich leider nicht vermeiden) ein deutschsprachiges Buch über das Stabilitätsgesetz. Auf Seite 136 finde ich eine interessante Aussage, die offenbar nicht aus der Feder des Autors stammt, denn sie ist mit der Fußnote 72 versehen. Natürlich befindet sich die Fußnote nicht am Ende der Seite 136, sondern am Ende des Kapitels auf Seite… blätter, blätter… 143. Juhu, gefunden! Doch was steht dort zu meinem Entsetzen? „SCHMIDT, aaO, S. 155 Fn 29“. Zum Glück weiß ich schon aus anderen unerfreulichen Begegnungen mit der deutschen Literatur, dass „aaO“ für „am anderen Ort“ steht. Doch wo mag dieser andere Ort sein? Ich fliege durch das Fußnotenverzeichnis… Der Name „SCHMIDT“ taucht auch in den Fußnoten 69 und 63 vor (nicht aber in 49, da ist ein „SCHMITZ“ zitiert). Jedoch, oh Graus! Auch in den anderen Fußnoten steht hinter „SCHMIDT“ jeweils das häßliche „aaO“. Will man mich hier etwa verschaukeln? Nein, des Rätsels Lösung ist bald gefunden. Das Buch, in dem ich lese, besteht aus den Teilen A, B und C, und für jeden dieser Teile gibt es ein eigenes Fußnotenverzeichnis. Das Verzeichnis für Teil B befindet sich auf den Seiten 115 bis 121. Auch hier kommt der Name „SCHMIDT“ vor, und zwar in den Fußnoten 144 und 143. Aber auch dort finde ich nicht die gewünschte Literaturangabe, sondern lediglich ein „s. oben lit. c“, und was das bedeuten soll, weiß ich leider nicht. Also suche ich weiter, jetzt im Fußnotenverzeichnis von Teil A auf den Seiten 53 bis 60. Und siehe da! Bei Fußnote 39 auf Seite 55 werde ich endlich fündig! Dort steht zwar zuerst ein „BADURA“ aufgeführt, um mich zu verwirren, aber hinter dem Semikolon steht endlich als zweiter Verweis: „R. SCHMIDT, Wirtschaftspolitik und Verfassung, 1971, S. 91“. Die Angabe des Verlags fehlt, dafür würde ich jeden Studenten durchfallen lassen. Aber immerhin finde ich dank Google endlich das gesuchte Buch. Das war harte Arbeit!

Man muss ja nicht jeden Tag das Rad neu erfinden. Aber manchmal kann es schon ganz sinnvoll sein, die Erfindungen der übrigen Welt einfach mal zu sichten und – wenn sie sich als praktisch erweisen – zu übernehmen. Zu diesen praktischen Erfindungen gehört auf jeden Fall das alphabetisch geordnete Literaturverzeichnis.

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