Archive for Juli 2012

Ökonomen streiten über den „Protestaufruf“

6. Juli 2012

Eine Gruppe von VWL-Professoren um Hans-Werner-Sinn hat einen „Protestaufruf“ geschrieben, den die FAZ im Wortlaut wiedergibt.

Meiner Meinung nach besteht der Aufruf vor allem aus heißer Luft, er enthält kein einziges wirkliches Argument. Vom Niveau her kommt der Aufruf eher einem anonymen Eintrag, den ein durchschnittlich gebildeter User in einem beliebigen Diskussionsforum schreiben könnte, gleich. Von VWL-Professoren darf man eigentlich mehr erwarten.

Die FTD, die ich gestern bereits lobte, beweist auch in diesem Fall ihre Qualität und sammelt Einschätzungen von Ökonomen, die den Aufruf nicht unterzeichnet haben.

Neue Papers, neue Gedanken

6. Juli 2012

Neue Papers zu verschiedenen interessanten Themen.

Thema 1: Ungleichheit der Einkommensverteilung

Engelbert Stockhammer: „Rising Inequality as a Root Cause of the Present Crisis“

Dazu passt:

Christina Anselmann & Hagen M. Krämer: „Completing the Bathtub? The Development of Top Incomes in Germany, 1907-2007“

 

Thema 2: Modern Monetary Theory

Brett Fiebiger, Scott Fullwiler, Stephanie Kelton, L. Randall Wray: „Modern Monetary Theory: A Debate“

 

Thema 3: Biology and (Evolutionary) Economics

John M. Gowdy, Denise E. Dollimore, David Sloan Wilson, Ulrich Witt: „Economic Cosmology and the Evolutionary Challenge“

 

Was sich zu lesen lohnt

5. Juli 2012

Heute fällt mir auf, dass ich in den vergangenen Tagen vor allem darüber berichtet habe, was ich nicht lese. Das klingt vielleicht ein bisschen negativ, also kommt hier zum Ausgleich ein positiver Eintrag: Was sich zu lesen lohnt!

Da wären zunächst einmal die beiden allgemeinen Nachrichtenportale Spiegel Online und tagesschau.de, die ich eigentlich jeden Tag mindestens einmal besuche. Gerade bei SPON muss man natürlich beachten, dass die Online-Ausgabe ein anderes Ding ist als der gute alte gedruckte Spiegel. Die SPON-Redaktion ballert sehr viel mehr Artikel heraus und achtet dabei nicht so sehr auf Qualität, deswegen kommen manchmal schon ein paar haarsträubende Recherchefehler vor. Auch giht es dort einige Kolumnisten, die weder lustig noch informativ sind, aber deren Artikel braucht man ja nicht zu lesen. Da SPON meines Wissens das meistgelesene Nachrichtenportal in Deutschland ist, dient die Lektüre auch dazu, die Meinung des „Mainstream“ kennenzulernen. Wenn du SPON gelesen hast, weißt du, was deine Nachbarn über Merkel, Özil und Tom Cruise denken, weil die ebenfalls SPON gelesen haben.

Da in der Mainstream-Presse einige Themen regelmäßig zu kurz kommen bzw. aus einseitiger Perspektive betrachtet werden, lohnt sich auch der tägliche Besuch bei den Nachdenkseiten. Dort gibt es immer morgens gegen 9:00 eine Art Presseschau, in der man auf interessante Artikel aus den verschiedensten Medien hingewiesen wird. Das beste Feature, das die NDS auszeichnet, ist aber meiner Meinung nach das Verweisen auf Originalquellen wie z.B. wissenschaftliche Studien oder Reden von einzelnen Politikern. Dies findet man in den Mainstream-Medien nur sehr selten. Durch den bequemen Zugang zu Originalquellen kann man sich viel besser eine eigene Meinung bilden und muss nicht einfach die Meinung der Autoren eines Artikels übernehmen.

Zwei weitere lesenswerte Blogs werden von Paul Krugman und Brad DeLong geschrieben. Beide haben gerade in der letzten Zeit viele wichtige Beiträge zur Diskussion über die makroökonomische Lage verfasst. Naturgemäß konzentrieren sie sich auf die USA, aber gerade Krugman hat sich auch viele Gedanken zu den Problemen der Eurozone gemacht. Der Blick von außen ist ja häufig sehr erhellend, weil er (weitgehend) ohne vorgeprägte Meinungen und Vorurteile auskommt. Europa wäre ein besserer Ort, wenn mehr deutsche Ökonomen die Blogs von Krugman und DeLong regelmäßig lesen würden.

Stattdessen lesen deutsche Ökonomen das Handelsblatt. Davon habe ich ja gestern bereits abgeraten. Eine wesentlich bessere Alternative ist die Financial Times Deutschland. Die gefällt mir in der Tat so gut, dass ich sie ab heute in meine Linkliste aufnehme. Die FTD schreibt im Allgemeinen sehr viel objektiver und wertneutraler als manche Konkurrenzangebote. Außerdem hat sie sich nicht der Hans-Werner-Sinn-Verehrungsgesellschaft angeschlossen. Wer die FTD überfliegt, bekommt eine relativ gute Information über das aktuelle Geschehen in Wirtschaft und Wirtschaftspolitik. Gut gefällt mir zum Beispiel der heutige Gastkommentar von Paul Welfens zum Thema Euro-Rettung. Der bekommt eigentlich nur Punktabzug für die Verwendung des neoliberalen Codeworts „Strukturreformen“ (zu deutsch: Abbau des Sozialstaats), ansonsten ist er sehr lesenswert

Zum Abschluss gibt es dann noch das Real World Economics Review Blog. Diese lese ich nicht unbedingt täglich, aber immerhin mehrmals pro Woche. Dort kann man viele interessante Diskussionen über Wirtschaftstheorie, Wirtschaftspolitik und die unterschiedlichen „Denkschulen“ der VWL mitbekommen. Da es sich um eine Art Mischung aus Blog und Forum handelt, kann man auch an den Diskussionen teilnehmen, das kann durchaus Spaß machen.

Zu speziellen Themen wie Fußball und Musik lese ich die gängigen Online-Angebote (kicker.de, rockhard.de und so weiter). Und dann gibt es noch das eher ungewöhnliche Blog Strange Maps, das ich gerne mal in der Mittagspause besuche, um das Gehirn mit ganz anderen Themen zu füttern.

Happy Birthday, USA!

4. Juli 2012

Heute ist der 4. Juli – Unabhängigkeitstag in den USA. Ein guter Tag aber auch für den Rest der Welt. Jaja, die CIA hat viele unschöne Dinge getan, Guantanamo ist noch immer in Betrieb, das weiß ich alles. Trotzdem hat der Erfolg der demokratischen Rebellion gegen das britische Königreich mit dem danach erfolgten Aufstieg der USA zur weltweiten Supermacht insgesamt einen großen Dienst für Werte wie Demokratie und Freiheit geleistet. Das darf man ruhig feiern.

Wie oft sollte man das Handelsblatt lesen?

4. Juli 2012

Wenn man gut informiert sein will, sollte man das Handelsblatt am besten überhaupt nicht lesen. Das liegt unter anderem daran, dass sein Chefredakteur Gabor Steingart nichts, aber auch wirklich rein gar nichts, von Wirtschaft versteht. Vor ein paar Jahren hat er mal eine Titelgeschichte für den Spiegel geschrieben, um sein Büchlein „Weltkrieg um Wohlstand“ zu promoten, und für diese Story hat er von der ING-DiBa den sogenannten „Helmut-Schmidt-Journalistenpreis“ bekommen. Allein an solchen Begebenheiten kann man schon sehen, worauf Steingart seine Karriere gebaut hat: nicht auf Leistung, sondern auf gute Beziehungen zu den richtigen Leuten.

Nun fiel mir aus Zufall (oder Pech) heute früh das Handelsblatt vom 28.6. in die Hände. Auf der Titelseite prangt ein Kommentar von Steingart, der auch online verfügbar ist und vor Fehlern nur so strotzt. Kostprobe gefällig? Hier ist eine:

Das Ersetzen der wichtigsten Zutaten der Marktwirtschaft – Arbeit und Anstrengung – durch Konsum und Kredit hat uns dahin geführt, wo wir heute stehen.

Hanebüchen. Die wichtigsten Zutaten der Marktwirtschaft sind nicht Arbeit und Anstrengung, denn die gab es schon vor vielen Jahrtausenden bei den Sklaven des Pharaonenreichs. Die wichtigste Zutat der Marktwirtschaft – das sagt doch schon der Name – ist der Markt. Und zur modernen Marktwirtschaft gehören selbstverständlich auch Konsum und Kredit. Für wen soll ich denn arbeiten, wenn niemand die Früchte meiner Arbeit konsumieren will? Und wie soll ein junger Unternehmer mit einer cleveren Geschäftsidee diese umsetzen, wenn ihm niemand Kredit gewährt? Davon abgesehen: Wieviele brave schwäbische Hausfrauen legen beim Häuslekauf den gesamten Kaufpreis bar auf den Tisch, ohne einen Kredit aufzunehmen?

Was Steingart beschreibt, ist eine Subsistenzwirtschaft, in der einzelne Bauern auf ihren Höfen arbeiten und die Früchte ihrer Arbeit für den Eigenverbrauch verwenden. Mit Marktwirtschaft hat das nichts zu tun. Wer billige Propaganda zur Nährung des nationalen Überlegenheitsgefühls benötigt, mag ja einen gewissen Nutzen aus solchen Artikeln ziehen. Wer jedoch Fakten und Informationen sucht, kann sich die Lektüre des Handelsblatts locker sparen.

Der Unterschied zwischen Eurozone und Dollarzone

4. Juli 2012

Griechenland, Irland, Spanien, jetzt auch noch Zypern und Slowenien, vielleicht auch Italien… alle bald pleite, oder? Aber haben Sie auch schon mal vom wirtschaftlichen Zusammenbruch Floridas gehört? Nein? Nun, das liegt daran, dass Florida im Unterschied zu Griechenland, Irland, Spanien, Zypern, Slowenien und Italien nicht zur Eurozone gehört, sondern zur Dollarzone (auch „USA“ genannt). In der Dollarzone besteht neben der Währungsunion auch eine Fiskalunion. Das bedeutet: Wenn ein Mitgliedsstaat wie Florida in eine schwere Wirtschaftskrise rutscht, nehmen ganz automatisch die Nettotransferzahlungen zu, weil in Florida weniger Steuern gezahlt aber mehr Sozialleistungen ausgeschüttet werden. Florida erhält also mehr Geld aus Washington, und niemand verliert ein Wort darüber. Niemand kommt auf die Idee, das Rentenalter in Florida zu erhöhen, den Arbeitsmarkt zu deregulieren oder staatliche Betriebe zu privatisieren. Und erst recht kommt niemand auf die Idee, den Floridanern Dummheit, Faulheit, Korruption und allgemeine moralische-ethische Minderwertigkeit vorzuwerfen.

In der Eurozone geht es bekanntlich anders zu.

Warum ich keine deutschen Lehrbücher lese

3. Juli 2012

Ich mag die deutsche Sprache wirklich gern, aber deutsche Lehrbücher – egal in welchem Fach – lese ich aus Prinzip nicht. Auch sonst vermeide ich deutschsprachige Texte meistens, sie sind einfach viel zu umständlich geschrieben. Deutsche Autoren haben eine unwahrscheinliche Lust daran, völlig simple und triviale Gedanken in Wort- und Satzungetüme zu verpacken, die man nur mit extrem anstrenger und zeitraubender Exegese entschlüsseln kann. Jedenfalls geht es mir so. In der Zeit, die ich für einen deutschsprachigen Artikel brauche, kann ich fünf englische lesen.

Aber nicht nur beim Schreiben und Formulieren machen die Deutschen es sich und ihren Lesern schwer. Nein, die schlimmsten Hürden werden beim Zitieren aufgebaut. Ein Beispiel gefällig? Heute lese ich (es ließ sich leider nicht vermeiden) ein deutschsprachiges Buch über das Stabilitätsgesetz. Auf Seite 136 finde ich eine interessante Aussage, die offenbar nicht aus der Feder des Autors stammt, denn sie ist mit der Fußnote 72 versehen. Natürlich befindet sich die Fußnote nicht am Ende der Seite 136, sondern am Ende des Kapitels auf Seite… blätter, blätter… 143. Juhu, gefunden! Doch was steht dort zu meinem Entsetzen? „SCHMIDT, aaO, S. 155 Fn 29“. Zum Glück weiß ich schon aus anderen unerfreulichen Begegnungen mit der deutschen Literatur, dass „aaO“ für „am anderen Ort“ steht. Doch wo mag dieser andere Ort sein? Ich fliege durch das Fußnotenverzeichnis… Der Name „SCHMIDT“ taucht auch in den Fußnoten 69 und 63 vor (nicht aber in 49, da ist ein „SCHMITZ“ zitiert). Jedoch, oh Graus! Auch in den anderen Fußnoten steht hinter „SCHMIDT“ jeweils das häßliche „aaO“. Will man mich hier etwa verschaukeln? Nein, des Rätsels Lösung ist bald gefunden. Das Buch, in dem ich lese, besteht aus den Teilen A, B und C, und für jeden dieser Teile gibt es ein eigenes Fußnotenverzeichnis. Das Verzeichnis für Teil B befindet sich auf den Seiten 115 bis 121. Auch hier kommt der Name „SCHMIDT“ vor, und zwar in den Fußnoten 144 und 143. Aber auch dort finde ich nicht die gewünschte Literaturangabe, sondern lediglich ein „s. oben lit. c“, und was das bedeuten soll, weiß ich leider nicht. Also suche ich weiter, jetzt im Fußnotenverzeichnis von Teil A auf den Seiten 53 bis 60. Und siehe da! Bei Fußnote 39 auf Seite 55 werde ich endlich fündig! Dort steht zwar zuerst ein „BADURA“ aufgeführt, um mich zu verwirren, aber hinter dem Semikolon steht endlich als zweiter Verweis: „R. SCHMIDT, Wirtschaftspolitik und Verfassung, 1971, S. 91“. Die Angabe des Verlags fehlt, dafür würde ich jeden Studenten durchfallen lassen. Aber immerhin finde ich dank Google endlich das gesuchte Buch. Das war harte Arbeit!

Man muss ja nicht jeden Tag das Rad neu erfinden. Aber manchmal kann es schon ganz sinnvoll sein, die Erfindungen der übrigen Welt einfach mal zu sichten und – wenn sie sich als praktisch erweisen – zu übernehmen. Zu diesen praktischen Erfindungen gehört auf jeden Fall das alphabetisch geordnete Literaturverzeichnis.