Krugman bitte nur im englischsprachigen Original lesen (genau wie alle anderen englischsprachigen Autoren)

Martin Greive schreibt für Welt Online einen Artikel über das neue Buch von Paul Krugman. Schön, dass er sich damit beschäftigt. Schade aber, dass er Krugman teilweise missverstanden hat.

Das fehlende Verständnis hängt vermutlich auch damit zusammen, dass Greive offenbar nicht die Originalausgabe sondern die deutschsprachige Übersetzung gelesen hat. Das ist ein Fehler. Es fängt schon beim Titel an. Im Original lautet dieser „End This Depression Now!“, der deutsche Campus-Verlag hingegen vertreibt ein Buch mit dem Titel „Vergesst die Krise!: Warum wir jetzt Geld ausgeben müssen“. Durch das Hinzufügen des selten dämlichen Untertitels ist man gleich wieder auf dem in Deutschland für makroökonomische Themen üblichen Diskursniveau angekommen.

Der Autor Martin Greive outet sich dann endgültig als Übersetzungsleser, als er Krugman mit dem Satz „Ökonomie ist kein moralisches Spiel“ zitiert. Das hat Krugman aber niemals so gesagt oder geschrieben. Was Krugman in Wirklichkeit (schon mehrmals) gesagt hat, ist: „Economics is not a morality play“. Ein „morality play“, in deutscher Sprache „Moralität“, ist ein Theaterstück mit moralischem oder religiös-lehrhaftem Charakter. Solche Schauspiele waren im Mittelalter sehr beliebt, denn sie dienten dazu, der ungebildeten und des Lesens unkundigen Landbevölkerung christliche Tugenden einzuhämmern. Die Hauptfigur in solchen Stücken wird vor die Wahl zwischen Gut und Böse gestellt, und wenn sie die falsche Wahl trifft, kommt die Quittung in Form von göttlicher Bestrafung. Und genau hier ist der Anknüpfungspunkt zur aktuellen wirtschaftspolitischen Debatte. Konservative Politiker wie Wolfgang Schäuble kommen natürlich aus dieser christlichen Gedankenwelt, in der sich alles immer nur um Sünde und Strafe dreht (Stichwort „Schuldensünder“). In dieser kleinen mittelalterlichen Welt ist alles ganz einfach: Länder wie Griechenland und Spanien haben gesündigt, und jetzt müssen sie eben bestraft worden. Wolfgang Schäuble also quasi als strafender Engel in göttlicher Mission. Krugman sagt nun aber: Nein, so einfach ist es nicht. Wenn Ihr Länder wie Griechenland und Spanien mit der Sparknute züchtigt, dann führt das dazu, dass die europäische (oder gar globale) Wirtschaftskrise nur noch schlimmer wird, und wir leiden alle darunter. Deswegen ist diese Sparbestrafung nicht sinnvoll. Es geht nicht um Gut gegen Böse und göttliche Bestrafung für sündige Schuldner, sondern es geht darum, die Wirtschaftskrise zu überwinden.

All das packt Krugman ziemlich meisterhaft in sein Statement „Economics is not a morality play“. Und die Übersetzung macht daraus „Ökonomie ist kein moralisches Spiel“. Dadurch geht der Sinn nicht nur verloren, er wird sogar vollständig entstellt. Die korrekte Übersetzung lautet: „Ökonomie ist kein mittelalterliches Theaterstück mit moralischem oder religiös-lehrhaftem Charakter, in dem Sünde durch Gott bestraft wird“.

Ich kann allen interessierten Menschen wirklich nur raten, das Buch im englischsprachigen Original zu lesen. Dasselbe gilt natürlich auch für alle anderen englischsprachigen Bücher.

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Eine Antwort to “Krugman bitte nur im englischsprachigen Original lesen (genau wie alle anderen englischsprachigen Autoren)”

  1. templarii Says:

    Das Mittelalter war keine Moral-Steinzeit sondern ein Boomzeitalter das direkt in die Renaissance führte. In übrigen dreht es sich beim Christentum um Jesus und die VERGEBUNG der Sünden (Die erfolgt ist!), nicht um die Sünden an sich und das jemand bestragen sollte.

    Aber das weiss heutzutage niemand mehr. Wird Zeit das sich das ändert: http://recognoscere.wordpress.com/2011/06/01/warum-hat-mir-das-keiner-gesagt

    Templarii – recognoscere.wordpress.com

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