Ein Harvard-Professor macht’s vor

Entgegen der Meinung, man könne VWL-Laien nicht die Finanzkrise erklären, weil die kann Mathe können, macht nun der Harvard-Professor Hans-Helmut Kotz vor, wie das durchaus klappen kann. In einem Interview mit Robert Heusinger für die FR erklärt er:

Es beginnt immer mit einigen Banken, die im Überschwang eine Spekulationsblase finanzieren. Diese überziehen, was im Nachhinein, wenn es uninteressant ist, alle Beobachter so würdigen. Dann wird die Aufsicht, die zuvor oft als überflüssige Bürokratie angegriffen wurde, als zu lax angesehen. Da ein Bankrott nicht kontrollierbare Drittwirkungen bei unbeteiligten Dritten hätte – die betroffenen Institute sind zu groß, zu vernetzt – müssen die Staaten, die Gesamtheit der Steuerzahler, eingreifen. Ansonsten drohte der Kollaps. Aus privater wird potentiell staatliche Überschuldung. Irland ist hier das Paradebeispiel. Vor der Krise hatte es Schulden von weniger als 40 Prozent seiner Wertschöpfung, heute von mehr 125 Prozent.

Da, ist doch nicht so schwer, oder? Kotz klingt, als ob er schon mal Hyman Minsky gelesen hätte. Wahrscheinlich hat er das auch, denn die Top-Ökonomen in den USA haben – spät, aber besser als nie – endlich den Wert des lange unterschätzten Minsky erkannt. Leider bekommt Minsky erst postum die Wertschätzung, die er eigentlich schon zu Lebzeiten verdient hätte, aber das ist auch anderen Wissenschaftlern, die ihrer Zeit voraus waren, so gegangen.

Kotz hat noch weitere Botschaften für seine Kollegen in Deutschland, etwa diese:

Jede Volkswirtschaft muss im Rahmen ihrer Möglichkeiten leben. Allerdings: Die künftigen Möglichkeiten, das wirtschaftliche Potential, sind nicht gegeben. Sie hängen unmittelbar davon ab, wie wir die Krise bewältigen. Hier in den USA herrscht weitgehend Konsens unter konservativen wie demokratischen Ökonomen, dass zunächst die Ausbringunglücke – der Abstand zwischen möglicher und tatsächlicher Leistung der Volkswirtschaft – geschlossen werden muss.

Die Hervorhebung stammt von mir. Diese zwei Sätze sollte sich eigentlich jeder Makroökonom täglich wie ein Mantra vorbeten, bis er sie im Schlaf auswendig kann. In einer dynamischen Volkswirtschaft gibt es Pfadabhängigkeiten. Das BIP im Jahr 2015 ist nicht exogen vorgegeben, es hängt davon ab, was in den Jahren 2014, 2013, 2012 und so weiter passiert ist. Und darauf kann die Regierung erheblichen Einfluss nehmen.

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Eine Antwort to “Ein Harvard-Professor macht’s vor”

  1. Neandertaler Says:

    Danke. Damit brichst du eine Lanze für Leute wie mich, die mit Mathe seit jeher auf Kriegsfuß stehen, aber ein Interesse an der Thematik haben. Wer behauptet, die fundamentalen Strukturen einer Wirtschaftskrise nicht ohne Mathe erklären zu können, ist entweder als W3-Professor unqualifiziert oder einfach nur faul.

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