Archive for Januar 2012

Wann man „das“ und „dass“ benutzen muss

31. Januar 2012

Die vor ein paar Jahren halbherzig durchgeführte Rechtschreibreform hat viele ärgerliche Nebenwirkungen gezeigt. Dazu gehört auch, dass die Rechtschreiblehrlinge anscheinend nicht mehr in der Lage sind, das Relativpronomen „das“ von der Konjunktion „dass“ zu unterscheiden. Das war wohl früher einfacher, als man noch „daß“ und „das“ schrieb. Jetzt bringen wohl ein paar überforderte Lehrer ihren Schülern bei, dass „dass“ immer nur hinter einem Komma stehen kann, weil es einen Nebensatz einleitet. Dass es auch am Satzanfang stehen kann, sei nur am Rande bemerkt. Wie auch immer, das ganze Chaos hat jedenfalls dazu geführt, dass viele Menschen jetzt immer „dass“ schreiben, wenn davor ein Komma steht. Das ist aber falsch. Ich finde, dass man bei der Rechtschreibreform ganz schön Mist gebaut hat. Wir brauchen ein Regelwerk, das jeder verstehen und verwenden kann.

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Was ist der Unterschied zwischen britischen Konservativen und deutschen Konservativen?

31. Januar 2012

Wahrscheinlich gibt es viele Unterschiede. Einer davon ist mir aber in den letzten Tagen erst aufgefallen. Die britischen Konservativen rechtfertigen ihre Sparpolitik mit dem Glauben an „expansionary austerity“. Sie hoffen – oder behaupten zu hoffen – dass durch die Sparbemühungen der Regierung irgendwie eine wahnsinnig optimistische Stimmung bei den Investoren entsteht, die daraufhin wieder ihre Nachfrage nach Investitionsgütern steigern, wodurch die Konjunktur wieder anspringt und die Wirtschaft aus der Krise kommt.

Das ist immerhin theoretisch denkbar. In der Realität, das zeigen die Daten, funktioniert es nicht. Aber immerhin glauben die britischen Konservativen daran – oder behaupten daran zu glauben – dass sie mit ihrer Sparpolitik irgendetwas positives bewirken können. Sie glauben – oder behaupten zu glauben – dass sie damit wieder Jobs für die Arbeitslosen schaffen.

Bei den deutschen Konservativen ist davon überhaupt nichts zu spüren. Haben Sie von Angela Merkel schon einmal den Satz „wenn die Regierung jetzt spart, springt die Konjunktur wieder an und es entstehen wieder Jobs“ gehört? Nein? Ich auch nicht. Angela Merkel glaubt nicht an „expansionary austerity“. Damit hat sie zwar Recht. Aber das macht ihre eigene Politik nur umso zynischer. Die deutschen Konservativen – allen voran der „Sparkommissar“ Volker Kauder – fordern von den EU-Partnerländern eine Politik des Sparens, Sparens und noch einmal Sparens und wissen ganz genau, dass damit weder in Griechenland noch Spanien noch Portugal noch Irland irgendwelche Jobs entstehen. Die deutschen Konservativen sind Nationalisten durch und durch. Sie interessieren sich nicht für 22,9% Arbeitslose in Spanien, 18,8% Arbeitslose in Griechenland und 14,6% Arbeitslose in Irland. Von diesen Ländern fordern sie weitere Sparanstrengungen, und weil sie selbst nicht an die Mär der „expansionary austerity“ glauben wissen sie ganz genau, dass die Arbeitslosigkeit dadurch noch schlimmer wird.

Auf und Ab

30. Januar 2012

Auftragseingänge der Industrie im Euroraum und der EU:

Quelle: Eurostat

Beratungsresistente Republik Deutschland

28. Januar 2012

Der deutsche VWL-Professor Sebastian Dullien kritisiert die deutschen VWL-Professoren in einem Gastbeitrag für die FR:

Weniger aufregend ist, dass ausländische Politiker die Krise anders wahrnehmen die deutschen. Auffällig ist aber, dass ausländische Volkswirte eine vollkommen andere Position einnehmen als ihre deutschen Kollegen. Ein Grund dafür scheint, dass die deutschen Volkswirte anders als britischen oder amerikanischen ihre Methoden und ihre Theorien nach der US-Subprime-Krise 2008/9 kaum angepasst haben. Während etwa der US-Nobelpreisträger Paul Krugman die bis dato gängigen makroökonomischen Modelle als völlig unbrauchbar kritisiert, wird in Deutschland meist so weitergemacht wie vor der Krise.

Dies, so Dullien, liegt an der Besetzung der Lehrstühle an deutschen Unis. Dort regiert der neoklassische Mainstream. Wer sich mit alternativen Theorien beschäftigt, hat kaum eine Chance, eine der begehrten W3-Professuren zu ergattern. Dullien meint nun, dass die Politik gefragt ist, dies zu ändern:

Sie [die Politik] könnte etwa die Aufstockung von Stellen und Mitteln an wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten daran knüpfen, welche Hochschule Lehrstühle für marxistische, keynesianische oder interdisziplinäre Ökonomie einrichtet. Das hat nichts mit einem grundgesetzwidrigen Eingriff der Politik in die Freiheit von Forschung und Lehre zu tun: Es wird ja keinem einmal berufenen Professor vorgeschrieben, etwas anderes zu forschen oder zu unterrichten, als er gerne möchte. So, wie [die Politik] bestimmen kann, dass eine Hochschule mit zusätzlichen Mitteln einen Lehrstuhl für erneuerbare Energien statt für Atomtechnologie einrichten soll, kann sie auch Schwerpunkte in den Wirtschaftswissenschaften setzen. Sie sollte diese Aufgabe nicht vernachlässigen.

Brandbrief an die Bundesregierung

27. Januar 2012

Die Zeit berichtet über die Erklärung des Kocheler Kreises:

Wenige Tage vor dem EU-Gipfel in Brüssel haben rund 50 Ökonomen und Politiker die Bundesregierung zu einem radikalen Politikwechsel aufgefordert. In einer Erklärung, die ZEIT ONLINE vorliegt, warnen die Unterzeichner vor einem „wirtschaftlich verlorenen Jahrzehnt“ in Europa, sollte Deutschland an seiner bisherigen Politik in der Schuldenkrise festhalten.

Hoffentlich kommt das bei der Bundesregierung an.

Die USA bleiben ein Industrieland

27. Januar 2012

In den USA werden wieder Autos gebaut.

Das freut mich sehr. In den USA haben viele Leute lange Zeit geglaubt, man könnte allein mit Finanzdienstleistungen eine Nation mit 300 Millionen Menschen ernähren. Das klappt aber nicht auf Dauer. Irgendjemand muss auch reale Güter herstellen.

Die USA sind noch immer mit Abstand die größte Volkswirtschaft der Welt. Gute Nachrichten aus den USA sind deshalb gute Nachrichten für die Welt.

Ist das Grundgesetz eigentlich verfassungsfeindlich?

26. Januar 2012

Jakob Augstein hat diesmal eine bemerkenswert gute Kolumne für Spiegel Online geschrieben. Darin geht es um die Überwächung von Abgeordneten der Linkspartei durch den Verfassungsschutz. Aber was steht eigentlich in dieser Verfassung, die geschützt werden muss, genau drin? Zum Beispiel, dass der Staat drei Anforderungen zu erfüllen hat: er muss sozial demokratisch und föderal sein. Die ersten zwei Kriterien, schreibt Augstein, seien aber verletzt:

Sozial ist dieses Land schon lange nicht mehr, demokratisch ist es immer weniger, einzig der föderale Charakter ist noch einigermaßen intakt.

Ganz so weit würde ich nicht gehen, aber angesichts der sich stetig weiter öffnenden Einkommenschere und der schleichenden Entmachtung der Parlamente kann man sich schon um die sozialen und demokratischen Traditionen unserer Gesellschaft Sorgen machen. Ich freue mich auch, dass Augstein wieder mal an den guten alten Paragrafen 14 erinnert, der besagt, dass Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel „vergesellschaftet“ werden können, und zwar per Gesetz. Ein Bundestagsabgeordneter, der das ernsthaft fordert, würde wahrscheinlich auch ins Visier der Verfassungsschützer geraten. Es ist aber offensichtlich mit dem Grundgesetz vereinbar. Insofern stellt sich die Frage, ob das Grundgesetz eigentlich verfassungsgemäß ist. Denn auch an anderen Stellen im Grundgesetz stellt man fest, dass dieses wesentlich „linker“ ist als viele meinen.

Etwas unfair finde ich lediglich den Umgang Augsteins mit der SPD, die sich in ihrem Parteiprogramm auf den „demokratischen Sozialismus“ beruft. In einer großen Volkspartei gibt es immer unterschiediche Ansichten, und ein Parteiprogramm stellt immer einen Kompromiss aus allen Ansichten dar. Nicht jeder Sozialdemokrat ist ein Sozialist. Zum Vergleich: Das CDU-Parteiprogramm beruft sich an allen Ecken und Enden auf den lieben Gott, aber wenn sich mal anschaut, wie CDU-Abgeordnete in Stadträten oder Kreistagen die Eidesformel ablegen, stellt man fest, dass ziemlich viele den Zusatz („so wahr mir Gott helfe“) weglassen.

Das Grundgesetz ist übrigens nicht das einzige bedeutende Dokument, das man heute eher „links“ nennen würde. Ähnliches gilt auch für andere Dokumente, die ein jeder gern zu seinem Wertekanon zählt. Zum Beispiel die allgemeine Erklärung der Menschenrechte, im Dezember 1948 von den Vereinten Nationen verkündet. Darin sind unter anderem die folgenden Menschenrechte verbrieft:

Jeder hat als Mitglied der Gesellschaft das Recht auf soziale Sicherheit und Anspruch darauf, durch innerstaatliche Maßnahmen und internationale Zusammenarbeit sowie unter Berücksichtigung der Organisation und der Mittel jedes Staates in den Genuß der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte zu gelangen, die für seine Würde und die freie Entwicklung seiner Persönlichkeit unentbehrlich sind. […]

Jeder hat das Recht auf Arbeit, auf freie Berufswahl, auf gerechte und befriedigende Arbeitsbedingungen sowie auf Schutz vor Arbeitslosigkeit.

Jeder, ohne Unterschied, hat das Recht auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit.

Jeder, der arbeitet, hat das Recht auf gerechte und befriedigende Entlohnung, die ihm und seiner Familie eine der menschlichen Würde entsprechende Existenz sichert, gegebenenfalls ergänzt durch andere soziale Schutzmaßnahmen. […]

Jeder hat das Recht auf einen Lebensstandard, der seine und seiner Familie Gesundheit und Wohl gewährleistet, einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztliche Versorgung und notwendige soziale Leistungen, sowie das Recht auf Sicherheit im Falle von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Invalidität oder Verwitwung, im Alter sowie bei anderweitigem Verlust seiner Unterhaltsmittel durch unverschuldete Umstände.

Jeder möge selbst entscheiden, ob diese Rechte in einem Staat verwirklicht sind, in dem über das Recht auf „gleichen Lohn für gleiche Arbeit“ ernsthaft gestritten werden muss und in dem ein Mitglied des CDU-Parteivorstands das Recht der Alten auf Gesundheit in Frage stellt, wegen der hohen Kosten. Tja, 1948 ist lange her…

Preise und Krisen

24. Januar 2012

Ein interessantes Bild ergibt sich, wenn man sich die Entwicklung der Preisniveaus in unterschiedlichen Euro-Staaten anschaut. Hier habe ich auf Basis von Eurostat-Daten die Entwicklung in ausgewählten Euro-Staaten dargestellt. Das Niveau von 1999, dem Jahr der Euro-Einführung, ist auf 100 normiert:

Durch die allgemeine Inflation ist im Euroraum das Preisniveau um 29% gestiegen. OK, der Euroraum ist im Zeitverlauf von 12 Ländern auf 17 gewachsen, aber das macht nicht viel aus, weil alle späteren Euro-Beitritte eher kleine Länder waren. Drei Beobachtungen fallen auf:

  1. Die Preisniveaus haben sich recht unterschiedlich entwickelt. In Deutschland ist das Preisniveau um 22% gestiegen, in Griechenland um 48%, alle anderen Länder liegen dazwischen.
  2. Die Länder, die bis 2008 eine höhere Inflation als der Euroraum hatten, sind genau die GIPS (oder GIIPS), um die man sich heute die meisten Sorgen macht: Griechenland, Irland, (Italien), Spanien und Portugal.
  3. Nur in Irland ist das Preisniveau gefallen, und zwar deutlich.

Das Auseinanderlaufen der Inflation ist ja zurecht als eine der Ursachen für die gegenwärtigen Probleme identifiziert worde, weil die relativ hohe Inflation in den GI(I)PS-Staaten deren Wettbewerbsfähigkeit unterminiert hat. Nun würde es mich interessieren, wie es in Irland gelingen konnte, das Preisniveau so rasch zu senken. Und wieso ist das in Irland geschehen, während man in Griechenland, Portugal und Spanien keine Anzeichen für ein sinkendes Preisniveau feststellen kann?

Europa braucht einen Politikwechsel

24. Januar 2012

Ganz besonders im Bereich der Wirtschaftspolitik muss sich in Europa vieles ändern, damit die Krise überwunden werden kann. Das fordert der Kocheler Kreis der Friedrich-Ebert-Stiftung in einer Erklärung zur Krise in der europäischen Währungsunion:

Die bisherige Politik setzt zu einseitig auf immer neue Sparpakete, vernachlässigt die Förderung von Wirtschaftswachstum und ignoriert die tieferen Ursachen der „Staatsschuldenkrise“, nämlich die seit über einem Jahrzehnt gewachsenen Divergenzen bei Lohnstückkosten und Leistungsbilanzsalden in Europa sowie die globale Finanzkrise 2008/9.

Nach dieser Fehlerdiagnose werden konkrete Forderung an die Bundesregierung aufgestellt, die auf nichts anderes als eine vollständige Umkehr vom deren bisherigen – fehlgeleiteten – Kurs hinauslaufen. Unter anderem wird die Bundesregierung aufgerufen, sich für EU-finanzierte Wachstums‐ und Beschäftigungsprogramme in den Krisenländern einzusetzen, die Inlandsnachfrage in Deutschland anzukurbeln und ihren Widerstand gegen Eurobonds aufzugeben. Man kann nur hoffen, dass die Bundesregierung (und die Opposition) diese Argumente endlich einmal Ernst nehmen und ihren bisherigen Kurs überdenken.

Kernenergie macht den Strom nicht billiger

23. Januar 2012

Das behauptet jedenfalls Uwe Nestle vom FÖS in einem Paper für Energy Policy.

In the medium to long term investment security for potential plant operators is far more important for adequately low electricity prices. As studies show planning and constructing of new nuclear plants lead to uncertainties on the electricity market. Any energy policy relying on nuclear power thus is a danger for investment security on the electricity market. Therefore, such a policy cannot ensure lower electricity prices or cause positive effects on the GDP or employment.