Woher kommt die Krise?

Die Krise, unter der die Eurozone seit 2008 leidet, ist nicht die Folge von zu hoher Staatsverschuldung. Die Schuldenquoten der Euro-Länder waren bis 2008 im Trend rückläufig:

(Quelle: Paul de Grauwe)

Die wahre Ursache der Krise ist in den Leistungsbilanzen der Mitgliedländer zu finden. Hier die Leistungsbilanzen der Bundesrepublik und der GIPS-Staaten (Griechenland, Italien, Portugal, Spanien):

Was passiert ist, erklärt uns Paul Krugman. Bei der Einführung des Euro im Jahr 1999 waren die Handelsbilanzen von Deutschland und den GIPS-Staaten einigermaßen ausgeglichen. Nach der Einführung des Euro drückte Deutschland massiv auf die Lohnbremse (durch niedrige Tarifabschlüsse, Schwächung der Gewerkschaften, Arbeitsmarktreformen und das Fehlen eines allgemeinen gesetzlichen Mindestlohns). In den GIPS-Staaten dagegen stiegen die Löhne kräftig an, weil auch die wirtschaftliche Entwicklung gut war (Ausnahme: Italien). Man erinnere sich: Anfang des 21. Jahrhunderts galt Deutschland als „kranker Mann Europas“ und war beim Wirtschaftswachstum über Jahre das Schlusslicht der Tabelle.

Die Folge: Niedrige Inflation in Deutschland, hohe Inflation in GIPS. Die Inflationsraten liefen jahrelang auseinander. Die EZB scherte sich nicht drum, weil sie im Mittel ihr Ziel (unter 2% Inflation in der Eurozone) erreichte. Dadurch wurden deutsche Waren billig, GIPS-Waren teuer. Bei nationalen Währungen und freien Wechselkursen wäre die D-Mark aufgewertet und hätte dadurch ein Gleichgewicht wiederhergestellt. Da es aber nun den Euro gab, war dies nicht möglich.

Weil deutsche Waren „zu billig“ und GIPS-Waren „zu teuer“ waren, entstanden große Lücken in den Handelsbilanzen. Deutschland exportierte Waren in die GIPS-Staaten und bekam im Gegenzug keine Waren, sondern Schuldscheine (z.B. griechische Staatsanleihen). Das ging eine ganze Weile lang gut und wurde von der Bundesregierung sogar ausdrücklich begrüßt. Jetzt nicht mehr. Jetzt ist nämlich fraglich, ob die Schulden in voller Höhe zurückgezahlt werden. Deswegen wird derzeit allerorten über Schuldenschnitte und Inflation (d.h. Entwertung der Schulden) gestritten.

Es reicht aber nicht, jetzt eine kurzfristige Lösung für die aktuelle Schuldenproblematik zu finden. Eine dauerhafte Lösung muss dafür sorgen, dass enorm hohe Handelsbilanzdefizite (und -überschüsse) nicht mehr entstehen. Das wissen auch die Regierungen der Euro-Länder. Einen überzeugenden Vorschlag haben sie aber noch nicht auf den Tisch gelegt.

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3 Antworten to “Woher kommt die Krise?”

  1. Neandertaler Says:

    und eine solche Lösung wäre…?
    Sicherlich nicht, bloß die Gelddruckmaschine der EZB anzuwerfen. Die könnte sicherlich an den Anleihemärkten für mehr Ruhe sorgen und die Renditen für die Anleihen der GIPS – Staaten senken, aber eine langfristige Lösung ist das auch nicht, oder? Die kurzfristigen Inflationsgefahren wären sicherlich gering, weil uns ja demnächst eher deflationäre Tendenzen ins Haus stehen, aber die werden auch nicht ewig anhalten…
    Eurobonds? Wäre damit nicht der Weg geebnet, notwendige Strukturreformen aufzuweichen? Oder ist das eher populärwissenschaftliches Gerede der „Falken“ in der Europapolitik?

    • redrockreason Says:

      Das Anwerfen der „Gelddruckmaschine“ der EZB stellt in der Tat eine mögliche Lösung für die gegenwärtigen Probleme dar. Allerdings stimme ich zu, dass das nur eine kurzfristige Lösung sein kann, denn dem Grundproblem bei den Handelsbilanzen wird ja dadurch nicht begegnet.
      Langfristig ist das natürlich nicht so einfach, eigentlich gibt es nur zwei Optionen: Entweder den Euro wieder aufgeben oder eine makroökonomische Koordinierung aller Euro-Staaten herbeiführen. Letztere müsste u.a. dafür sorgen, dass alle Euro-Staaten sich an einem gemeinsamen Inflationsziel orientieren bzw. ihre Lohnentwicklung an die jeweilige Entwicklung der Arbeitsproduktivität anpassen. Ob so eine Wirtschaftsregierung, die diesen Namen auch verdienen würde, realisierbar ist, kann ich leider nicht beurteilen.

  2. Warum die Euro-Länder ihre Top-Ratings verlieren « Redrockreason Says:

    […] in Berlin, Paris und anderen Hauptstädten. Diese Regierungen haben noch immer nicht verstanden, wo die wahren Ursachen der Krise zu finden sind. Gefällt mir:LikeSei der Erste, dem dieser post […]

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