Archive for November 2011

Auch Thomas Straubhaar hat keine Angst mehr vor der Inflation

23. November 2011

In einem Kommentar bei der FTD besänftigt er Ängste vor einer Inflation, die durch Staatsanleihenkäufe der EZB entstehen könnte:

Offensichtlich ist die Kausalität „Kauf von Staatsanleihen durch die Notenbank bewirkt höhere Inflation“ nicht so eindeutig, wie sie in Deutschland vermutet wird. Die Auswirkungen einer sehr expansiv ausgerichteten Geldpolitik auf das Geldmengen- und Kreditwachstum sind heutzutage geringer als früher.

Vor zweieinhalb Jahren klang das bei Straubhaar noch ganz anders. Da warnte er nämlich im Focus vor der „Horror-Inflation“ und rechnete „mit einer Geldentwertung zwischen fünf und zehn Prozent pro Jahr für die Zeit nach 2010“. Aber ein Blick auf Japan (Deflation) und die USA (niedrige Inflation trotz Nullzinsen und „Quantitative Easing“) hat ihn wohl dazu gebracht, seine Meinung zu überdenken.

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Was hat Mario Monti in seiner Zeit als Ökonomieprofessor eigentlich getan?

17. November 2011

Zu den Aufgaben eines Universitätsprofessors gehört vor allem das Publizieren von Forschungsergebnissen in anerkannten Fachzeitschriften. Mario Monti, internationaler Berater von Goldman Sachs und Regierungschef von Italien, war jahrzehntelang an den Universitäten Turin und Bocconi beschäftigt. Man sollte erwarten, dass er in dieser langen Zeit eine Reihe von Artikeln in Fachzeitschriften veröffentlicht hat, schließlich hat er es sogar zum Rektor der Universität Bocconi gebracht.

Aber wenn man die gängigen Literaturdatenbanken befragt, findet sich praktisch nichts. Web of Science: nichts. Scopus: nichts. Über Google Scholar findet man eine Veröffentlichung von 1972 (das wird wohl die Dissertation gewesen sein) und ein Working Paper von 1985. An letzterem waren als Co-Autoren u.a. Blanchard, Layard und Dornbusch beteiligt, das sind tatsächlich große Namen. Andererseits ist es aber eben nur ein Working Paper und kein Journal-Artikel. Das heißt, das Papier ist nicht mal durch ein Begutachtungsverfahren gegangen.

Es mag wohl sein, dass italienische Ökonomen in den 1970er Jahren auch mal in Zeitschriften veröffentlicht haben, die noch immer nicht von den modernen Suchmaschinen erfasst sind. Das glaube ich aber eigentlich nicht. Scopus ist schon sehr umfangreich geworden und findet auch sehr obskure Veröffentlichungen, auch aus nicht-englischsprachigen Quellen. Insgesamt ist es schon verblüffend, dass in einer so langen wissenschaftlichen Karriere nur so wenige Veröffentlichungen entstehen.

 

Auch Italien wird jetzt von den Banken regiert

17. November 2011

Der neue italienische Regierungschef, Mario Monti, gilt zwar allgemein als Wirtschaftswissenschaftler und hat auch an mehreren Universitäten gelehrt. Allerdings ist er letzten Endes auch ein Mann der Banken: „Mr. Monti is an international advisor to Goldman Sachs and a member of the advisory board of the Coca-Cola Company“ (Quelle). Man darf davon ausgehen, dass Herr Monti seine Funktion als „internationaler Berater“ von Goldman Sachs nicht unentgeltlich ausübt. Er steht ebenfalls auf der Lohnliste der Banken und wird auch in seiner neuen Funktion als italienischer Regierungschef die Interessen der Banken knallhart vertreten.

Gegenüber Berlusconi stellt er trotzdem eine Verbesserung dar. Aber wie weit ist es gekommen, wenn man schon so sagen muss? Und wieso liest man in den Berichten der Mainstreammedien nichts über Montis Beratertätigkeit für Goldman Sachs?

Nein, die Bundesregierung versteht nicht, was los ist

16. November 2011

Wolfgang Münchau auf Spiegel Online:

Was passiert wohl, wenn Griechenland aus dem Euro austritt? Die Antwort ist klar: Wir werden ein ähnliches Dominospiel erleben. Laut SPIEGEL hat das Finanzministerium dazu ein paar Szenarien entwickelt, die mir zeigen, dass man in der Bundesregierung noch immer nicht die Dynamik dieser Krise versteht.

(Hervorhebung von mir)

Wer beschädigt Deutschlands Ansehen in der Welt?

16. November 2011

Vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte machen sich deutsche Regierungen traditionell viele Gedanken um das Ansehen Deutschlands im Rest der Welt. Das ist auch gut so. Und deswegen macht sich auch die gegenwärtige Regierung  Sorgen, wie Spiegel Online berichtet: „Koalition fürchtet um Deutschlands Ansehen“. Der Artikel bezieht sich auf den Neonazi-Terror in Deutschland und die Tatsache, dass sich weder Verfassungsschutz noch Polizei bei der Aufklärung bzw. Verhinderung dieser Taten mit Ruhm bekleckert haben.
Allerdings gibt es neben diesen rechtsextremen Verwirrten auch noch andere, die Deutschlands Ansehen in der Welt beschädigen. Da ist zum Beispiel Volker Kauder, der Spiegel Online heute und gestern ebenfalls zwei Schlagzeilen wert war: „Jetzt wird in Europa Deutsch gesprochen“ und „Kauder bringt Briten gegen Deutschland auf„. Hinzufügen möchte man:

  • einen Außenminister, der die Nato-Verbündeten Großbritannien, Frankreich und USA bei der Abstimmung im UN-Sicherheitsrat zu Libyen brüskiert und dann – nach dem erfolgten Sturz des Gaddafi-Regimes – auch noch genug Realitätsferne aufbringt, um den deutschen Maßnahmen (Handelsrestriktionen) einen entscheidenden Anteil daran zuzurechnen
  • eine Kanzlerin, die über „faule Südeuropäer“ schimpft
  • einen von der Bundesregierung entsandten EU-Kommissar, der EU-Beamte nach Griechenland entsenden will, die dort „ohne Rücksicht auf Widerstände“ agieren sollen
  • eine Bundesregierung, die dem ultrakonservativen und absolutistischen Regime von Saudi-Arabien Panzer liefern möchte, die speziell zum Kampf gegen Personen entwickelt wurden
  • und so weiter und so fort

Kurzum: es ist die Bundesregierung, die mit solchen Aktionen und Entscheidungen Deutschlands Ruf und Ansehen in der Welt ruiniert. Natürlich hat Deutschland legitime nationale Interessen, und es ist Aufgabe der Bundesregierung, diese im Ausland zu vertreten. Das aber wird in derart stümperhafter und trampeliger Manier versucht, dass man wirklich nur den Kopf schütteln kann. Bismarck würde sich im Grabe umdrehen. Der war auch ultrakonservativ, dabei aber hochintelligent und handwerklich geschickt. Intelligenz und Geschick vermisse ich bei dieser Regierung vollständig.

Der Vollständgkeit halber muss hinzugefügt werden, dass auch Vorgängerregierungen nicht immer besonders feinfühlig agiert haben. Ein Peer Steinbrück mit seinen rüpelhaften aber letztlich wirkungslosen und somit unangebrachten Attacken gegen die Schweiz oder ein Jürgen Trittin mit seiner öffentlichen Schadenfreude über die Flutkatastrophe in New Orleans nach dem Motto „wir haben’s euch ja gesagt“ haben auch nicht gerade zum Ansehen Deutschlands beigetragen.

Ist Geoengineering eine Alternative zur Emissionsminderung?

16. November 2011

Nicht wirklich, meint Olivier Sterck:

I confirm the fear which is common among geoengineering opponents: abatement is reduced if geoengineering is expected to be available in the future. The long-run implications of the model are also alarming as geoengineering will not be undertaken progressively. The sudden implementation of geoengineering, together with the sharp jump in temperature induced, may disturb climate equilibrium and fragile ecosystems.

Feuerwehr ohne Wasser

15. November 2011

Stellen Sie sich bitte folgende Situation vor: Sie wohnen zur Miete in einem Mehrfamilienhaus. Ihr Vermieter hat seit Jahren seine Sorgfaltspflicht vernachlässigt und überall liegen ungesicherte Stromleitungen herum. Eines Tages gibt es einen Kurzschluss. Durch den Funkenflug bricht ein Feuer aus, das rasch um sich greift und das ganze Haus niederzubrennen droht. Sie rufen die Feuerwehr. Diese kommt herbeigeeilt, packt ihre Schläuche aus und löscht mit reichlich Wasser den Brand. Kurze Zeit später beschwert sich der Vermieter bei Ihnen wegen des Wasserschadens und verlangt von Ihnen eine schriftliche Erklärung, dass sie niemals wieder Wasser zur Brandbekämpfung einsetzen werden. Die ungesicherten Stromleitungen lässt er weiter herumliegen, sodass der nächste Brand nur eine Frage der Zeit ist.

Sie würden Ihren Vermieter für bescheuert halten.

Ihr Vermieter heißt Volker Kauder. Der verlangt nämlich von den Euro-Ländern, dass sie in ihren Verfassungen nach deutschem Vorbild „Schuldenbremsen“ festschreiben. Denn die Ursache für die derzeitigen Turbulenzen an den Finanzmärkten sei die mangelnde „Haushaltsdisziplin“. Das ist natürlich Unsinn. Die Haushaltsdisziplin der meisten Euro-Länder war bis 2008 vorbildlich. Erst durch die Finanzkrise, die durch die Zockerei von mangelhaft kontrollierten Banken verursacht wurde, sind die Staatsschulden explodiert. Die hohen Schuldenquoten sind natürlich nicht schön, aber sie sind nun mal das Ergebnis einer Finanzmarktkrise. Wer den Staaten in Krisenzeiten das Schuldenmachen verbieten will, der verbietet der Feuerwehr den Einsatz von Löschwasser.

Auf die außenpolitischen Konsequenzen von Kauders Äußerungen („Jetzt auf einmal wird in Europa Deutsch gesprochen“) brauche ich wohl nicht näher einzugehen. Das passt aber nahtlos zu den sonstigen außenpolitischen Trampeleien von Merkel und ihrer Mannschaft. Wenn diese Regierung 2013 abgewählt wird, hinterlässt sie ein wirtschafts- und außenpolitisches Trümmerfeld.

Hitler und das reichste Prozent

15. November 2011

Dank Paul Krugman habe ich eine neue Datenbank kennengelernt: The World Top Incomes Database. Dort kann man wirtschaftshistorische Daten über die Verteilung des Einkommens in Dutzenden von Ländern abrufen. Interessant ist es, sich z.B. den Anteil der reichsten Haushalte (dem „Top 1%“) im Zeitverlauf anzusehen. Und dabei habe ich etwas entdeckt, was zumindest mir bisher neu war:

Der Anteil des „Top 1%“ am gesamten Volkseinkommen lag 1933, dem Jahr von Hitlers Machtergreifung, bei 10,9%. Von da an hat er stetig zugenommen und erreichte 1938 einen Wert von 16,3%. Hitler hat das „Top 1%“ also bestens bedient.

Der Lobbyismus erreicht eine neue Stufe

10. November 2011

Früher einmal hatte der Begriff „Lobbyist“ eine deutlich negative Konnotation und bezeichnete Personen, die von privaten Gruppen (in der Regel Großunternehmen) bezahlt wurden, um die Politik in ihrem Sinne zu beeinflussen. Das geschah in der Regel dadurch, dass die Lobbyisten in der jeweiligen Hauptstadt um die Mitglieder von Regierung und Parlament scharwenzelten, sich mit ihnen beim Abendessen oder Cocktailempfang trafen und ihnen die Sorgen und Wünsche ihrer Auftraggeber ins Ohr flüsterten.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts reichte das den Unternehmen aber nicht mehr, sie wollten mehr Einfluss auf politische Entscheidungsprozess haben. Also begannen sie damit, ihre Lobbyisten direkt in die Ministerien zu entsenden. Diese Lobbyisten wurden weiterhin von den Unternehmen bezahlt, saßen aber in Büros der Ministerien und erledigten dort die Arbeit, für die eigentlich den Ministerialbeamten zuständig waren, zum Beispiel das Schreiben von neuen Gesetzen. Beide Seiten waren zufrieden. Die Ministerien sparten Geld („schlanker Staat“), und die Unternehmen gewannen an Einfluss.

Jetzt erreicht der Lobbyismus wieder eine neue Stufe. Die Banken haben es geschafft, einen Banker an der Spitze der griechischen Regierung zu installieren. Ein prächtiges Geschäft. Dadurch brauchen sie noch nicht mal sein Gehalt zu zahlen, denn das erhält er ja vom Steuerzahler.

Für die Demokratie in Europa ist das allerdings ein fatales Zeichen.

World Energy Outlook 2011

10. November 2011

Der World Energy Outlook 2011 ist gestern erschienen. Komisch, dass die Medien noch gar nicht davon berichten. Naja, er wird offiziell morgen in Berlin vorgestellt, vielleicht wird das dann zum Anlass genommen. Der WEO 2011 ist 666 Seiten lang – ein Zeichen für die bevorstehende Apokalypse? Nein, ganz so schlimm kommt es nicht. Allerdings stellt der WEO 2011 schon einen Weckruf an die Politik dar:

We read here of the way carbon emissions are already “locked-in” because of the nature of the plant and equipment which we continue to build. If we do not change course, by 2015 over 90% of the permissible energy sector emissions to 2035 will already be locked in. By 2017, 100%. We can still act in time to preserve a plausible path to a sustainable energy future; but each year the necessary measures get progressively tougher and viciously more expensive. So, let’s not wait any longer!

Das Ganze ist auch deswegen von Bedeutung, weil die International Energy Agency (IEA), die den WEO herausgibt, alles andere als eine Umweltschutzorganisation ist. Doch auch die IEA hat den Ernst der Lage erkannt. Ob man auf sie hören wird?