Archive for Oktober 2011

Und noch ein Argument gegen Steinbrück

28. Oktober 2011

Steinbrück kann nicht Schach spielen.

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Deutschland als Vorbild?

27. Oktober 2011

Zumindest im Bereich der Umweltpolitik, so wird hin und wieder berichtet, kann Deutschland manchen Ländern als Vorbild dienen. Hier ist mal wieder ein Beispiel für einen solchen Artikel aus dem Solutions Journal:

Over the last 40 years, all levels of government in Germany have retooled policies to promote growth that is more environmentally sustainable. Germany’s experiences can provide useful lessons for the United States (and other nations) as policymakers consider options for “green” economic transformation.

Manchmal tut es einfach gut, einen eher optimistischen Artikel zu lesen. Die deutschen Medien neigen ja zur Schwarzmalerei und tun gerne mal so, als stünde nächste Woche der Weltuntergang an.

Steinbrück wird mal wieder ins Gespräch gebracht

25. Oktober 2011

So langsam bin ich es satt, ständig über den Kanzlerkandidatenkandidaten Steinbrück diskutieren zu müssen. Allerdings kann man ihm nicht entkommen, denn er wird von geschickten und einflussreichen Medienstrategen immer wieder ins Rampenlicht geschickt. Innerhalb weniger Tage erscheint er an der Seite des Hamburger Verlegers Helmut Schmidt auf dem Cover der Hamburger Zeitschrift „Spiegel„, als Buchautor im Hamburger Verlag Hoffmann und Campe sowie in der Quasselrunde von Günther Jauch, dem Spross eines alten Hamburger Hanseatengeschlechts.

Allein die Tatsache, dass hier offensichtlich eine kleine aber feine Hamburg-Connection den Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland im Alleingang ausrufen möchte, macht schon stutzig. Darauf will ich aber an dieser Stelle gar nicht weiter eingehen. Zur Eignung von Peer Steinbrück als Kanzler möchte ich lediglich drei Punkte bemerken:

1. Peer Steinbrück ist als Finanzminister vor allem durch Inkompetenz aufgefallen. Er hat keinerlei Ahnung von makroökonomischen Zusammenhängen und hat sich mit Händen und Füßen gegen eine aktive Konjunkturpolitik (die er im Nachhinein freilich als seinen Erfolg verkauft) gewehrt. Außerdem hat er es verpasst, die Banken und Finanzmärkte angemessen zu regulieren. Durch seine Untätigkeit in diesem Bereich hat er nicht gerade zur Krisenvermeidung beigetragen.

2. Peer Steinbrück ist ein Mann der Banken. Er hat noch im Jahr 2010 – als ehemaliger Finanzminister, aktiver Bundestagsabgeordneter und möglicher Kanzlerkandidat – bei der Deutschen Bank einen Vortrag gehalten und dafür ein Honorar der Stufe 3 (d.h. 7000 Euro oder mehr) erhalten. Ist das der richtige Chef für eine Regierung, zu deren Aufgabe eine straffere Bankenregulierung gehören muss? Ist das ein Kandidat, den die Anhänger der Occupy-Bewegung unterstützen werden?

3. Peer Steinbrück ist zu alt für den Job. Er ist jetzt schon 64, im Jahr der nächsten Bundestagswahl (2013) wird er 66. In diesem Alter sollte man über die Rente nachdenken, den Garten pflegen und Benefiz-Veranstaltungen besuchen. In so hohem Alter gewinnt man keine Bundestagswahl mehr. Selbst der „ewige“ Kanzler Helmut Kohl hat seinen letzten Wahlsieg 1994 mit 64 Jahren errungen; vier Jahre später wurde er vom 14 Jahre jüngeren Gerhard Schröder besiegt. Wie soll ein Mann im Rentenalter der neuen Konkurenz aus der Piratenpartei begegnen, die gerade durch ihre Jugend und Frische bei vielen Wählern punkten kann?

Drei Gründe gegen Steinbrück als Kandidaten. Und es ist ja nicht so, als ob die SPD keine Alternativen zu bieten hätte. An den Spitzen von Partei und Fraktion gibt es zwei mögliche Kandidaten, die mir besser geeignet scheinen, und auch in den Landeshauptstädten fallen mir drei bis vier aktive Regierungschefs ein, die ich sehr viel lieber im Kanzleramt sähe.

Kleine Schritte oder großer Sprung?

25. Oktober 2011

Die bisherige Geschichte der europäischen Integration ist eine Geschichte der kleinen Schritte. Nie wurde ein großer Sprung gewagt, es wurde immer ein kleiner Schritt nacheinander gemacht. Erst hat man die Stahl- und Kohlegemeinschaft gegründet, dann kamen die römischen Verträge, dann das Europaparlament, dann feste Wechselkurse, dann ein gemeinsamer Markt, dann das Schengen-Abkommen, dann die gemeinsame Währung und so weiter und so fort. Bis vor ein paar Jahren hat diese Politik der kleinen Schritte gut funktioniert.

Jetzt aber steht man vorm Abgrund. Wer am Rande des Abgrunds einen kleinen Schritt nach vorne tut, stürzt herunter. Mit einem großen Sprung nach vorne könnte man vielleicht den Abgrund überwinden und auf der anderen Seite landen. Schafft die EU den großen Sprung? Die Alternative wäre jedenfalls kein kurzer Schritt nach vorne, sondern viele Schritte zurück.

Oder, wie ich schon Anfang Januar geschrieben habe: „In diesen Tagen entscheidet sich also die Zukunft der Europäischen Union: Schleicht sie verschämt zurück ins Jahr 1991 (vor Maastricht) oder marschiert sie mutig voran in eine ungewisse aber potentialreiche Zukunft als Bundesstaat?“

EU ohne Briten?

25. Oktober 2011

Die EU-Skeptiker in Großbritannien machen mobil: Der rechten Rand der regierenden Tories hätte gerne eine Volksabstimmung über einen Austritt aus der EU gehabt, und laut Umfragen wäre eine Mehrheit der Briten für einen solchen Austritt (Spiegel Online).

Vielleicht sollte man in den übrigen 26 EU-Ländern eine Volksabstimmung durchführen, ob die Briten in der EU bleiben dürfen?

Helmpflicht für Radfahrer?

19. Oktober 2011

Der Bundesautofahrerminister Peter Ramsauer denkt laut über eine Helmpflicht für Radfahrer nach.

Lächerlich.

Die meisten Radfahrer zockeln mit 15 bis 20 km/h durch Deutschlands Innenstädte. Bei solchen Geschwindigkeiten macht es überhaupt keinen Sinn, einen Helm zu tragen. Anders sieht es natürlich bei denen aus, die Radfahren als echten Sport begreifen und mit dem Rennrad richtig Tempo machen oder mit dem Mountainbike durch Wald und Wiese brezeln. Bei denen kann man aber davon ausgehen, dass sie sich der Gefahr bewusst sind und – ähnlich wie Skifahrer und andere Sportler – freiwillig einen Helm aufsetzen. Der gemeine Alltagsradfahrer, der mit dem Rad zur Arbeit und zum Supermarkt fährt, kommt aber locker ohne Helm aus.

Anstatt Radfahrer einen lästigen Helm aufzuzwingen, sollte man lieber dafür sorgen, dass sie in weniger Unfälle verwickelt werden. Das erreicht man am besten durch die Einrichtung von mehr Radwegen, was auf Landstraßen und Hauptverkehrsstraßen kein Problem sein sollte. In engen Straßen, wo kein Radweg möglich ist, muss Tempo 30 gelten.

Das wird man aber von einem CSU-Verkehrsminister nicht so schnell zu hören bekommen. Schließlich ist jeder zusätzliche Radfahrer aus Sicht von BMW geschäftsschädigend.

Ted Sargent über „Kalibrierung“

18. Oktober 2011

Ted Sargent ist in aller Munde, weil er den diesjährigen Nobelpreis Preis für Wirtschaftswissenschaften der schwedischen Reichsbank im Gedenken an Alfred Nobel gewonnen hat. Das ist gut so, denn der Mann viel Interessantes zu sagen. Brad DeLong zitiert aus einem Interview mit Sargent:

Evans and Honkapohja: What were the profession’s most important responses to the Lucas Critique?

Sargent: There were two. The first and most optimistic response was complete rational expectations econometrics. A rational expectations equilibrium is a likelihood function. Maximize it.

Evans and Honkapohja: Why optimistic?

Sargent: You have to believe in your model to use the likelihood function. it provides a coherent way to estimate objects of interest (preferences, technologies, information sets, measurement processes) within the context of a trusted model.

Evans and Honkapohja: What was the second response?

Sargent: Various types of calibration. Calibration is less optimistic about what your theory can accomplish because you would only use it if you din’t fully trust your entire model, meaning that you think your model is partly misspecified or incompetely specified, or if you trusted someone else’s model and data set more than your own. My recollection is that Bob Lucas and Ed Prescott were initially very enthusiastic about rational expetations econometrics. After all, it simply involved imposing on ourselves the same high standards we had criticized the Keynesians for failing to live up to. But after about five years of doing likelihood ratio tests on rational expectations models, I recall Bob Lucas and Ed Prescott both telling me that those tests were rejecting too many good models. The idea of calibration is to ignore some of the probabilistic implications of your model but to retain others. Somehow, calibration was intended as a balanced response to professing that your model, although not correct, is still worthy as a vehicle for quantitative policy analysis….

Evans and Honkapohja: Do you think calibration in macroeconomics was an advance?

Sargent: In many ways, yes. I view it as a constructive response to Bob‘ remark that „your likelihood ratio tests are rejecting too many good models“. In those days… there was a danger that skeptics and opponents would misread those likelihood ratio tests as rejections of an entire class of models, which of course they were not…. The unstated cse for calibration was that it was a way to continue the process of acquiring experience in matching rational expectations models to data by lowering our standards relative to maximum likelihood, and emphasizing those features of the data that our models could capture. Instead of trumpeting their failures in terms of dismal likelihood ratio statistics, celebrate the featuers that they could capture and focus attention on the next unexplained feature that ought to be explained. One can argue that this was a sensible response… a sequential plan of attack: let’s first devote resources to learning how to create a range of compelling equilibrium models to incorporate interesting mechanisms. We’ll be careful about the estimation in later years when we have mastered the modelling technology…

Das ist mal wieder Futter für alle, die der Ökonomie ihren Status als Wissenschaft absprechen wollen. Lucas und Prescott stellen fest: „those tests were rejecting too many good models“. Und die Reaktion darauf ist, dass man die Modelle behält und andere Tests entwickelt? Das erinnert mich ein bisschen an die Fans der Homöopathie. Die lassen sich auch nicht von der Tatsache abschrecken, dass wissenschaftliche Experimente keine Evidenz für deren Wirksamkeit erbringen.

Explosion in Zeitlupe

17. Oktober 2011

oder: Wie man aus einer Mücke einen Elefanten macht.

Spiegel Online berichtet über einen Bericht der Financial Times über eine neue EU-Studie zur zukünftigen Entwicklung der Energiepreise. In dem Artikel wird vor „rapide steigenden Energiepreisen“, ja sogar einer „Preisexplosion von bis zu 100 Prozent“ gewarnt. Schuld daran ist angeblich die Öko-Wende. Das klingt natürlich dramatisch. Allerdings entlarvt sich hier mal wieder die journalistische Tendenz zum Aufbauschen von trivialen und längst bekannten Tatsachen. Ein Anstieg von 100 Prozent heißt nichts weiter als „Verdopplung“, und die soll auch nicht von heute auf morgen sondern bis zum Jahr 2050 stattfinden, also über einen Zeitraum von 40 Jahren. Wir beobachten also eine Explosion in Zeitlupe. Innerhalb von 40 Jahren „explodieren“ die Energiepreise um satte 100 Prozent, das sind durchschnittlich ungefähr 1,7 Prozent pro Jahr. Spektakulär.

Die Originalmeldung der Financial Times liest sich übrigens wesentlich sachlicher: „EU faces 20 years of rising energy bills“. Daran wird allerdings auch der Neuheitswert der Meldung deutlich, denn die „Energy Bills“ der meisten EU-Länder sind in den letzten vier Jahrzehnten eigentlich ständig gestiegen, Öko-Wende hin oder her. Warum sollte dieser Trend ausgerechnet jetzt abbrechen?

Warum Staatsschulden gut sind

17. Oktober 2011

Das erklärt Gert Wagner im Interview mit der Frankfurter Rundschau:

Die Zinsen sind gerade ziemlich niedrig, die Realzinsen sogar negativ. Das wird erst mal so bleiben und die Finanzierung der Staatsschulden deutlich erleichtern. Zudem ist es unrealistisch, dass wir unsere Verschuldung auch nur in die Nähe von Null bringen. Dann müssten jede Menge Infrastrukturleistungen unterbleiben. Das wäre für künftige Generationen sehr, sehr schlecht. Für Banken und Versicherungen wäre es eine Katastrophe, wenn der Staat keine Schulden mehr hätte. Sie könnten das Geld ihrer Kunden nicht mehr in sicheren Bundesanleihen anlegen.

Vereinfachung der Steuererklärung

5. Oktober 2011

In der aktuellen PWP analysieren Henriette Houben, Ralf Maiterth und Heiko Müller die Auswirkungen eine Steuerreform, wie sie die FDP vorgeschlagen hat. Wir erinnern uns: der progressive Einkommensteuertarif sollte in ein Drei-Stufen-Modell (später auch mal Fünf-Stufen-Modell) umgewandelt werden, Ziel des Ganzes war eine „Vereinfachung“. Das habe ich schon damals für Unsinn gehalten. Houben et al. belegen dies nun wissenschaftlich und kommen zu folgendem Ergebnis:

Es ist unstrittig, dass die Kompliziertheit und Komplexität des Steuerrechts insbesondere aus der Ermittlung der Steuerbemessungsgrundlage resultieren und eine umfassende Steuervereinfachung bei der Gewinn- bzw. Einkommensermittlung ansetzen muss.

Mit anderen Worten: es ist weitgehend egal, ob ich an mein zu versteuerndes Einkommen einen progressiven oder stufenweise steigenden Steuersatz anlegen muss. Die Schwierigkeit besteht darin, die Höhe des zu versteuernden Einkommens zu berechnen.