Staatsschulden: Historisch auf mittlerem Niveau

Auf Wikipedia gibt es eine sehr ansehnliche Grafik zur Entwicklung der Staatschuldenquote im Vereinigten Königreich:

Das Spannende daran ist die extrem lange Zeitreihe – so etwas gibt es etwa für Deutschland gar nicht. Die Grafik zeigt, dass Schuldenquoten von mehr als 100% am BIP aus historischer Perspektive keine Seltenheit sind. Zwischen 1760 und 1860 lag die Schuldenquote des Vereinigten Königreichs permanent darüber und erreichte einen Spitzenwert von über 250%. Danach fand allerdings ein beachtlicher Schuldenabbau statt, sodass die Quote Anfang des 20. Jahrhunderts auf unter 50% fiel. Im ersten Weltkrieg gab es dann – bedingt durch die staatlich finanzierte Aufrüstung – einen sprunghaften Anstieg auf 200%, und nach einer kurzen Schuldenabbauphase trieb der zweite Weltkrieg die Quote dann auf ein Rekordhoch von ca. 270%. In der Nachkriegszeit wurden die Schulden dann wieder abgebaut, und ab 1970 schwankten sie um 50%. Was die Grafik nicht zeigt: Inzwischen ist die Schuldenquote des Vereinigten Königreichs wieder auf 80% gestiegen, was vor allem mit dem Finanzcrash vom Herbst 2008, der darauf folgenden Rezession und der extrem teuren Bankenrettung zusammenhängt. Historisch gesehen ist das aber kein besonders hoher Wert; wenn die Wirtschaft eines Tages wieder auf einen „normalen“ Wachstumspfad einschwenkt, kann wieder ein Schuldenabbau stattfinden.

Vor diesem Hintergrund erscheint die aktuelle „Schuldenkrise“ in der EU in einem neuen Licht. Hier ist eine Darstellung der Schuldenquoten aller EU-Länder (Stand: Ende 2010, Quelle: Eurostat):

Die Abbildung zeigt, dass die Schuldenquoten in fast allen EU-Ländern immer noch weit unter 100% liegen, die einzigen Ausnahmen bilden Griechenland und Italien. Man kann also mit einer Berechtigung fragen: Wenn das Vereinigte Königreich Schuldenquoten von weit über 200% überstanden hat ohne einen Staatsbankrott hinzulegen, warum sollten dann Länder wie Spanien oder Portugal nicht dazu in der Lage sein? Und warum wird jetzt Italien in die Mangel genommen? Ein Schuldenquote von 120% fällt im Ländervergleich natürlich auf, aber historisch gesehen ist das nichts Besonderes. Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum der italienische Staat in absehbarer Zeit zahlungsunfähig werden sollte.

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Eine Antwort to “Staatsschulden: Historisch auf mittlerem Niveau”

  1. Droht jetzt die Insolvenz Italiens? « Redrockreason Says:

    […] bleibe bei meiner Einschätzung vom 11. Juli: Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum der italienische Staat in absehbarer Zeit […]

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