Archive for Juni 2011

Faule Südeuropäer? Eurostat widerspricht Merkel

29. Juni 2011

Laut Angela Merkel sind die wirtschaftlichen Probleme bestimmter südeuropäischer EU-Länder vor allem mit der Faulheit ihrer Einwohner zu erklären.

Eurostat legt heute Daten zum Arbeitsvolumen in den EU-Ländern vor, die eine andere Sprache sprechen. Danach arbeiten Vollzeitbeschäftigte in Mittel der 27 EU-Länder genau 40,4 Stunden pro Woche. In Deutschland sind es 40,6 Stunden, also überdurchschnittlich. Und was machen die Südeuropäer? Die Griechen arbeiten im Mittel 40,5 Stunden pro Woche, die Spanier 40,4 Stunden (EU-Durchschnitt) und die Portugiesen 40,2 Stunden. Diese Portugiesen besitzen also tatsächlich die Frechheit, pro Woche satte 0,4 Stunden (24 Minuten) wenige zu arbeiten als die emsigen Deutschen.

Allerdings sieht es in anderen Ländern noch ganz anders aus! In Dänemark arbeitet man nur 37,7 Stunden pro Woche. Wie kann die dänische Wirtschaft das nur überleben? Und die Niederländer, eigentlich als fleißige Kaufleute bekannt, arbeiten mickrige 38,9 Stunden! Ganz anders da die fleißigen Türken, die schuften nämlich 52,2 Stunden pro Woche. Aber ist ja egal, denn die Türkei gehört ja – das weiß die CDU-Vorsitzende Angela Merkel ganz genau – nicht zu Europa. Also sind die Türken keine Südeuropäer.

Interessant ist auch der zweite Teil der aktuellen Daten von Eurostat: der Anteil der Teilzeitbeschäftigten. Und da schneidet Deutschland gar nicht gut ab. Satte 25,8% der Erwerbstätigen im Alter von 15 bis 64 Jahren sind in Deutschland nämlich nur teilzeitbeschäftigt. Das ist der zweithöchste Wert in der EU, nur die Niederlande sind mit 48,3% einsamer Spitzenreiter. In Griechenland beträgt dieser Anteil nur 6,2%, in Spanien 13,1% und in Portugal 8,4%. Mit anderen Worten: ein Viertel der Deutschen ist zu faul, um eine Vollzeitstelle zu besetzen. Hier machen uns die Südeuropäer aber in Sachen Einsatz und Belastbarkeit echt etwas vor. Wie passt das nur ins merkelsche Weltbild?

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Die 68er sind schuld, dass Guttenberg und Koch-Mehrin geschummelt haben

27. Juni 2011

Das scheint jedenfalls der Wahlkonservative Jan Fleischhauer auf Spiegel Online zu behaupten, wenn ich ihn richtig verstehe. Warum? Weil sie angeblich den Verzicht auf das „althergebrachte Habilitationsverfahren“ durchgesetzt haben. Was dies mit den Doktorarbeiten von Guttenberg und Koch-Mehrin zu tun hat, weiß der Himmel, die beiden haben schließlich promoviert und nicht habilitiert. Aber bei Fleischhauer sind die 68er eben immer an allem schuld. Schließlich haben die damals Gras geraucht und lustige Parties gefeiert, während der kleine Jan traurig draußen im Regen stehen musste, weil niemand mit ihm spielen wollte.

Und zum Verzicht auf das Habilitationsverfahren möchte ich noch bemerken: Das Habilitationsverfahren ist ein deutscher Sonderweg (gewesen). Es ist extrem anfällig für Kungeleien. Die „kumulierte“ Habilitation durch eine Anzahl von Ausätzen in internationalen Fachzeitschriften ist wesentlich anspruchsvoller, transparenter und ehrlicher.

Einer für alle

21. Juni 2011

Henrik Müller beschwert sich auf Spiegel Online zurecht über die fehlerhafte deutsche Europapolitik der vergangenen Monate. Der Mann hat Recht: Angela Merkels Europapolitik ist ideenlos, egozentrisch, selbstsüchtig, kurzsichtig, ja schlicht und einfach dumm. Mit dem ewigen Hin-und-her geht Deutschland finanzielle Risiken in Milliardenhöhe ein, ohne davon irgendeinen politischen Nutzen zu haben. Henrik Müller schreibt ganz richtig: „Falls der Euro zerbricht, wird Deutschland am Pranger stehen – als diejenige Nation, die den Euro hätte retten können, es aber aus kurzsichtigem Eigeninteresse nicht getan hat. Der damit verbundene Schaden lässt sich kaum in Geld aufwiegen“.

Was würde es denn kosten, die Finanzierungsprobleme der griechischen, irischen und portugiesischen Regierungen zu lösen? Sehen wir uns doch mal die Daten von Eurostat an:

Die Daten zeigen, dass die drei genannten Staaten zusammen auf 637.132 Mio. EUR kommen. Zum Vergleich: Die deutsche Staatsschuld liegt bei 2.079.628 Mio. EUR. Deutschland könnte – wenn es wollte – ganz allein die Schulden der drei Staaten übernehmen. Die deutsche Staatsschuld stiege dann auf 2.716.760 Mio. EUR. Das wären dann 108,6% des deutschen BIP. Die Zinsbelastung für den deutschen Staat würde steigen, aber sie wäre zu tragen.

Noch leichter wäre es natürlich, wenn alle EU-Länder, oder wenigstens die Euro-Länder, gemeinsam an einem Strang zögen. Die Schulden der 17 Euro-Länder betragen zusammen 7,837,207 Millionen Euro oder 85,1% des BIP. Deutschland steht mit einer Schuldenquote von 83,2% nur geringfügig besser da. Ein Schuldenpool würde aus deutscher Sicht also praktisch nur Vorteile bringen: Die Schuldenquote würde sich aus Sicht des deutschen Steuerzahlers zwar geringfügig erhöhen (von 83,2% auf 85,1%), aber dafür wären all die gegenwärtigen Probleme mit ihren unüberschaubaren Risiken gelöst.

Ist eine solche Lösung realistisch? Nun, die Länder mit Finanzierungsproblemen (Irland, Griechenland, Portugal) müsste man nicht lange überzeugen. Auch Länder mit hohen Schuldenquoten (Italien, Belgien) wären sicherlich einverstanden. Frankreich befindet sich mit einer Schuldenquote von 81,7% in einer ähnlichen Situation wie Deutschland und wäre vermutlich bereit, eine leichte Zunahme der Schuldenquote zu akzeptieren. Spanien hat zwar eine niedrige Schuldenquote von nur 60,1%, wird aber trotzdem als Wackelkandidat gehandelt und wäre darum auch an einer raschen Lösung der Krise interessiert. Damit hätte man die wichtigsten Euro-Länder an Bord. Kleiner Länder wie Finnland, Österreich und die Niederlande könnte man sicherlich ebenfalls überzeugen, dasselbe gilt für die neueren Mitgliedsländer aus Ost- und Mitteleuropa. Letztere haben zwar meist geringe Schuldenquoten, sind aber angesichts der gewaltigen Agrar- und Strukturfondszahlungen aus Brüssel sehr an einem Fortbestand der EU interessiert. Mit etwas Verhandlungsgeschick könnte man also alle Euro-Länder davon überzeugen, ihre Schulden zu in einem gemeinsamen Pool zu bündeln. Es gäbe dann nicht mehr 17 kleine Schuldenberge, sondern nur noch einen. Einen für alle.

75 Jahre „General Theory“

21. Juni 2011

Keynes‘ „General Theory“ wird dieses Jahr 75 Jahre alt. Zu diesem Anlass wurde an der Uni Cambridge (wo Keynes arbeitete) eine Konferenz ausgerichtet. Interessant vor allem die Lecture von Paul Krugman, der mit den wichtigsten Mißverständnissen aufräumt und ein paar Lehren aus der General Theory noch einmal auf den Punkt bringt. Zum Beispiel:

if there are spending-constrained debtors with debts specified in nominal terms – as there are in today’s world – a fall in wages, leading to a fall in the general price level, worsens the real burden of debt and actually has a contractionary effect on the economy.

Dies hat der BDI leider bis heute nicht verstanden.