Vorsicht bei Forsa

Das Meinungsforschungsinstitut Forsa wird allwöchentlich von RTL und Stern beauftragt, die sogenannte Sonntagsfrage zu stellen: „Welche Partei würde Sie wählen, wenn nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre?“. Forsa ist ein Meinungsforschungsinstitut unter vielen, die Hauptkonkurrenten heißen Infratest Dimap, TNS Emnid, Forschungsgruppe Wahlen, Allensbach und GMS. Forsa allerdings spielt eine ganz besondere Rolle. Seinem Chef und Gründer, Manfred Güllner, wurde vor einiger Zeit eine unangemessene SPD-Nähe vorgeworfen, weil er zum Einen Parteimitglied ist und zum Anderen recht enge Kontakte zu Gerhard Schröder pflegte. Inzwischen bemüht sich Güllner allerdings nach Kräften, den Vorwurf der SPD-Nähe gar nicht erst aufkommen zu lassen. Im Gegenteil: Er lässt keine Gelegenheit aus, sich von „seiner“ Partei zu distanzieren und ihr gut gemeinte Ratschläge zu geben.

Das jüngste Beispiel dürfen wir heute bei stern.de bewundern. „Zum ersten Mal seit Anfang Mai 2010 haben SPD und Grüne auf Bundesebene keinen Vorsprung mehr vor Union und FDP […] Noch im Herbst hatten SPD und Grüne einen Vorsprung von bis zu 15 Punkten“. Das klingt dramatisch, darauf müssen Rote und Grüne bestimmt schnell und entschlossen reagieren. Aber Vorsicht bei Forsa! Der Vorsprung von 15 Punkten wurde in genau einer einzigen Umfrage gemessen, und zwar in der vom 13. Oktober 2010. Damals hauten Forsa, Stern und RTL ganz schön auf die Pauke. In der Vorwoche waren die Grünen erstmals an der SPD vorbeigezogen. Nun lagen sie bei 25%, die SPD bei kläglichen 23%. Die Union sah Forsa bei 29%, die FDP war auf 4% abgesunken und somit an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert. Tolles Umfrageergebnis, ließ sich bestens vermarkten. Die anderen oben genannten Institute sahen allerdings die Grünen noch nie vor der SPD. Und dass die FDP an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern würde, wollten weder TNS Emnid noch Forschungsgruppe Wahlen noch Infratest Dimap noch GMS noch Allensbach bestätigen. Forsa neigt dazu, aus der Reihe zu tanzen.

Nun also der Vergleich der neuen aufregenden Forsa-Umfrage mit derjenigen vom 13. Oktober: 15 Punkte Rückstand aufgeholt! Alle Achtung, Frau Merkel! Aber wie setzt sich das zusammen? Die SPD ist im Vergleich von 23% auf 22% gefallen (bei den anderen Instituten liegt sie aktuell bei 25% bis 27%), die FDP von 4% auf 5% gestiegen. Da auf ganze Prozentpunkte gerundet wird, liegen die tatsächlichen Veränderungen vermutlich im Promillebereich und sind statistisch kaum signifikant. Mit anderen Worten: SPD und FDP in Wahrheit unverändert. Die Linkspartei lag übrigens bei 11% (Oktober 2010) bzw. 12% (Februar 2011), also auch faktisch unverändert. Die CDU hat allerdings enorm hinzugewonnen, von 29% auf 36%, während die Grünen massiv verloren haben, nämlich von 25% auf 19%. Die Verschiebungen zwischen den angeblichen Lagern sind also ausschließlich auf Verschiebungen zwischen Schwarz und Grün zurückzuführen. Wie glaubhaft sind aber die 25%, bei denen die Grünen im vergangenen Oktober angeblich lagen? Bei TNS Emnid und Infratest Dimap erreichten sie maximal 23%, bei GMS 21%, bei Allensbach 21,5%, und bei der Forschungsgruppe Wahlen kamen sie nie über 20% hinaus. Die wahre Verschiebung zwischen Schwarz und Grün ist also wahrscheinlich viel kleiner als von Forsa behauptet. Die wenigen verbleibenden Prozentpunkte dürften zu einem großen Teil auf Stuttgart 21 zurückgehen. Dort war die Empörung (und mit ihr die Umfrageergebnisse der Grünen) im letzten Herbst am größten, inzwischen haben sich dank der Schlichtung durch Heiner Geißler die Umfragewerte der Ländle-CDU wieder erholt.

All diese Daten gibt es übrigens öffentlich, kostenlos und bequem zugänglich auf Spiegel Online. Das wissen auch die Redakteure von RTL und Stern. Wie kommt es, dass sie kein Wort über die Merkwürdigkeiten ihrer Ergebnisse verlieren? Hochwertiger Journalismus sieht anders aus, meine Damen und Herren.

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Eine Antwort to “Vorsicht bei Forsa”

  1. Forsa mal wieder ganz wild « Redrockreason Says:

    […] Grün-Rot, auf 51% kommt. 18 Prozentpunkte Vorsprung! Dabei war ebendieser Vorsprung noch im Februar bei Forsa komplett […]

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