Archive for Februar 2011

Causa Guttenberg: Offener Brief von Doktoranden an die Bundeskanzlerin

28. Februar 2011

Zum Lesen und bei Zustimmung unterzeichnen: http://offenerbrief.posterous.com/

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Abschreiben aus Tradition

25. Februar 2011

Anscheinend hat Guttenberg das Abschreiben schon zur Tradition gemacht. Vor ein paar Tagen hatte ich bereits spekuliert, ob er auch schon bei anderen Gelegenheiten schamlos abgekupfert hat. Der Verdacht scheint sich leider zu erhärten. Spiegel Online meldet, dass auch in einem Guttenberg’schen Aufsatz von 2004 entsprechende Passagen gefunden worden sind. Es wäre zum Lachen, wenn es nicht so traurig wäre…

Abstruse Vorwürfe

24. Februar 2011

Sehr geehrte Frau Justizministerin,

Gestern habe ich ein Kaufhaus verlassen und dabei versehentlich Goldschmuck im Wert von 100.000 Euro in meiner Jackentasche gehabt. Daraufhin stellte mir der Kaufhausdetektiv nach und beschuldigte mich des Diebstahls. Dazu kann ich nur sagen: Dieser Vorwurf ist abstrus.

Ich gebe zu, dass ich Blödsinn gemacht habe. Dazu stehe ich. Besonders, nachdem man das Video der Überwachungskamera auf Youtube hochgeladen hat und das ganze Internet zusehen kann, wie ich mich nervös umgucke, den Schmuck in meiner Jackentasche verschwinden lasse und mit Schweiß auf der Stirn und zitternden Händen das Kaufhaus verlasse. Das war wirklich eine große Dummheit von mir. Ich war offensichtlich von der Situation überfordert. Ich hatte ja auch schließlich einen harten Tag hinter mir und musste kurz vor Ladenschluss nochmal in die Stadt, um was zu besorgen. Dafür entschuldige ich mich bei allen, die ich eventuell verletzt habe.

Außerdem bitte ich das Kaufhaus darum, den Schmuck wieder zurückzunehmen.

Damit ist die Angelegenheit für mich allerdings erledigt, ich habe schließlich noch was Besseres zu tun. Sehen Sie, ich habe mich entschuldigt und mich demütig gezeigt. Nun können wir wieder zur Tagesordnung übergehen. In Deutschland laufen doch Terroristen frei herum, das ist wohl wichtiger als so ein unabsichtlicher kleiner Ladendiebstahl. Und überhaupt, dieser Kaufhausdetektiv ist bestimmt ein Linker und startet eine kommunistische Verschwörung, um meinem Ruf zu schaden. Also lassen Sie mich jetzt endlich in Ruhe mit diesem Quatsch.

Mit freundlichen Grüßen

KT

Guttenberg als freier Journalist

23. Februar 2011

In seinem Lebenslauf steht, dass Guttenberg als „freier Journalist“ bei der Welt gearbeitet hat. Die FAZ berichtet, dass es sich dabei wohl eher um eine Tätigkeit als Praktikant gehandelt hat, dass er dabei aber immerhin acht kurze Artikel verfasst haben soll.

Hat eigentlich schon jemand geprüft, ob er diese acht Artikel selbst geschrieben hat?

Wochenendlektüre

21. Februar 2011

Am Wochenende habe ich das neue Buch von Gustav Horn gelesen. Sehr empfehlenswert. Der Autor beschreibt die politischen und wirtschaftlichen Ursachen der Finanz- und Wirtschaftskrise und kommt dadurch zu Empfehlungen für Wirtschaftspolitik und -wissenschaft. Besonders die Rolle der Ungleichheit bzw. einer gerechten Einkommensverteilung wird sehr gut analysiert.

Warum Politiker miserable Wissenschaftler sind (und umgekehrt)

18. Februar 2011

Die wichtigste Tugend des Wissenschaftlers ist die Bescheidenheit, seine oberste Pflicht ist das Zweifeln. Ein guter Wissenschaftler muss an allem zweifeln: an seinen Lehrern, seinen Büchern, und vor allem an seinen eigenen Theorien. Er muss ständig versuchen, Löcher in die etablierten Theorien zu schießen. Wenn es gelingt, eine weithin akzeptierte Theorie zu widerlegen, macht die Wissenschaft die größten Fortschritte.

Deswegen sind die meisten Wissenschaftler miese Politiker. Bescheidenheit wird Politikern als Schwäche ausgelegt, Zweifel an den eigenen Überzeugungen als mangelnde Standfestigkeit. Ein kritisches Hinterfragen der eigenen Handlungsweise ist nur Politikern im Ruhestand (z.B. Steinbrück) gestattet, und auch dann nur nach ein paar Jahren, wenn Gras über die Sache gewachsen ist. Umgekehrt sind die meisten erfolgreichen Politiker miserable Wissenschaftler, und zwar aus denselben Gründen.

Guttenberg war ein paar Jahre lang Teilzeitdoktorand, aber eigentlich ist er Politiker durch und durch. Auf die Plagiatsvorwürfe hat er nicht wie ein Wissenschaftler reagiert, sondern wie ein Politiker: Er hat sämtliche Vorwürfe abgestritten, seine Kritiker abgewatscht und sich darauf verlassen, dass er mit Hilfe seiner Parteifreunde und seiner guten Kontakte zu den Medien die Affäre aussitzen kann. Ein guter Wissenschaftler hätte anders reagiert. Er hätte erstens sein offensichtliches Fehlverhalten zugegeben, zweitens eine Entschuldigung angeboten und sich drittens um Richtigstellung bemüht. Guttenberg ist am Spagat zwischen Politik und Wissenschaft gescheitert. Das muss ihn nicht daran hindern, als Politiker weiterhin erfolgreich zu sein. An seiner Kompetenz als Dr. jur. muss man als Wissenschaftler allerdings – bei aller Bescheidenheit – zweifeln.

Land der Abschreiber

17. Februar 2011

Ich betreue zur Zeit einen Studenten der Volkswirtschaftslehre beim Verfassen seiner Diplomarbeit. Wie soll ich dem jungen Mann beibringen, dass er seine Quellen gemäß den wissenschaftlichen Regeln zitieren muss, wenn ein Bundesminister sich nicht schämt, diese Regeln ignoriert zu haben, und berechtigte Vorwürfe als „abstrus“ abtut? Ein solches Verhalten – besonders das fehlende Unrechtsbewusstsein – kann man nicht hinnehmen. Wehret den Anfängen, sonst wird aus dem Land der Dichter und Denker bald ein Land der Abschreiber und Schummler!

Kraft zeigt Mut

16. Februar 2011

Chapeau, Frau Kraft!

In einem früheren Post hatte ich mir von der Ministerpräsdentin des größten Bundeslandes etwas mehr Mut gewünscht, weil sie in einer öffentlichen Rede das Thema „Steuererhöhungen“ weiträumig umschifft hatte. Jetzt lese ich beim WDR, dass sie nun eine „Vermögensteuer und die Anhebung des Spitzensteuersatzes“ ins Spiel bringt, „um die aktuelle Einnahmenseite des Staates zu verbessern“. Gut so. Ich schätze Ehrlichkeit und Mut, ganz besonders bei Menschen, die politische Spitzenämter bekleiden.

Vorsicht bei Forsa

16. Februar 2011

Das Meinungsforschungsinstitut Forsa wird allwöchentlich von RTL und Stern beauftragt, die sogenannte Sonntagsfrage zu stellen: „Welche Partei würde Sie wählen, wenn nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre?“. Forsa ist ein Meinungsforschungsinstitut unter vielen, die Hauptkonkurrenten heißen Infratest Dimap, TNS Emnid, Forschungsgruppe Wahlen, Allensbach und GMS. Forsa allerdings spielt eine ganz besondere Rolle. Seinem Chef und Gründer, Manfred Güllner, wurde vor einiger Zeit eine unangemessene SPD-Nähe vorgeworfen, weil er zum Einen Parteimitglied ist und zum Anderen recht enge Kontakte zu Gerhard Schröder pflegte. Inzwischen bemüht sich Güllner allerdings nach Kräften, den Vorwurf der SPD-Nähe gar nicht erst aufkommen zu lassen. Im Gegenteil: Er lässt keine Gelegenheit aus, sich von „seiner“ Partei zu distanzieren und ihr gut gemeinte Ratschläge zu geben.

Das jüngste Beispiel dürfen wir heute bei stern.de bewundern. „Zum ersten Mal seit Anfang Mai 2010 haben SPD und Grüne auf Bundesebene keinen Vorsprung mehr vor Union und FDP […] Noch im Herbst hatten SPD und Grüne einen Vorsprung von bis zu 15 Punkten“. Das klingt dramatisch, darauf müssen Rote und Grüne bestimmt schnell und entschlossen reagieren. Aber Vorsicht bei Forsa! Der Vorsprung von 15 Punkten wurde in genau einer einzigen Umfrage gemessen, und zwar in der vom 13. Oktober 2010. Damals hauten Forsa, Stern und RTL ganz schön auf die Pauke. In der Vorwoche waren die Grünen erstmals an der SPD vorbeigezogen. Nun lagen sie bei 25%, die SPD bei kläglichen 23%. Die Union sah Forsa bei 29%, die FDP war auf 4% abgesunken und somit an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert. Tolles Umfrageergebnis, ließ sich bestens vermarkten. Die anderen oben genannten Institute sahen allerdings die Grünen noch nie vor der SPD. Und dass die FDP an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern würde, wollten weder TNS Emnid noch Forschungsgruppe Wahlen noch Infratest Dimap noch GMS noch Allensbach bestätigen. Forsa neigt dazu, aus der Reihe zu tanzen.

Nun also der Vergleich der neuen aufregenden Forsa-Umfrage mit derjenigen vom 13. Oktober: 15 Punkte Rückstand aufgeholt! Alle Achtung, Frau Merkel! Aber wie setzt sich das zusammen? Die SPD ist im Vergleich von 23% auf 22% gefallen (bei den anderen Instituten liegt sie aktuell bei 25% bis 27%), die FDP von 4% auf 5% gestiegen. Da auf ganze Prozentpunkte gerundet wird, liegen die tatsächlichen Veränderungen vermutlich im Promillebereich und sind statistisch kaum signifikant. Mit anderen Worten: SPD und FDP in Wahrheit unverändert. Die Linkspartei lag übrigens bei 11% (Oktober 2010) bzw. 12% (Februar 2011), also auch faktisch unverändert. Die CDU hat allerdings enorm hinzugewonnen, von 29% auf 36%, während die Grünen massiv verloren haben, nämlich von 25% auf 19%. Die Verschiebungen zwischen den angeblichen Lagern sind also ausschließlich auf Verschiebungen zwischen Schwarz und Grün zurückzuführen. Wie glaubhaft sind aber die 25%, bei denen die Grünen im vergangenen Oktober angeblich lagen? Bei TNS Emnid und Infratest Dimap erreichten sie maximal 23%, bei GMS 21%, bei Allensbach 21,5%, und bei der Forschungsgruppe Wahlen kamen sie nie über 20% hinaus. Die wahre Verschiebung zwischen Schwarz und Grün ist also wahrscheinlich viel kleiner als von Forsa behauptet. Die wenigen verbleibenden Prozentpunkte dürften zu einem großen Teil auf Stuttgart 21 zurückgehen. Dort war die Empörung (und mit ihr die Umfrageergebnisse der Grünen) im letzten Herbst am größten, inzwischen haben sich dank der Schlichtung durch Heiner Geißler die Umfragewerte der Ländle-CDU wieder erholt.

All diese Daten gibt es übrigens öffentlich, kostenlos und bequem zugänglich auf Spiegel Online. Das wissen auch die Redakteure von RTL und Stern. Wie kommt es, dass sie kein Wort über die Merkwürdigkeiten ihrer Ergebnisse verlieren? Hochwertiger Journalismus sieht anders aus, meine Damen und Herren.

Dr. Guttenberg und die wissenschaftlichen Sitten

16. Februar 2011

Der Shootingstar der deutschen Politik, Karl-Theodor zu Guttenberg, sieht nicht nur gut aus, sondern ist auch außerordentlich gebildet. Für seine Doktorarbeit mit dem Titel „Verfassung und Verfassungsvertrag – Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU“ erhielt er seinerzeit die Bestnote – summa cum laude.

Jetzt allerdings berichten mehrere Medien von Plagiatsvorwürfen (Süddeutsche Zeitung, Spiegel Online, Focus, Stern). Der Doktorand zu Guttenberg soll Texte von anderen Autoren per copy-and-paste in seine Arbeit eingefügt haben und nicht als Zitate gekennzeichnet haben. Das würde gegen die guten wissenschaftlichen Sitten verstoßen. Wenn so etwas im Nachhinein herauskommt, kann die Universität den von ihr verliehenen Doktortitel wieder zurückziehen. Dass es im Fall Guttenberg dazu kommt, ist allerdings unwahrscheinlich, weil kein Mitglied der Prüfungskommission im Nachhinein zugeben will, dass es sich hat täuschen lassen. Selbst wenn es sich bei Guttenbergs Zitaten nicht um bewusste Täuschungen sondern nur um „Schlamperei“ handelte, muss man sich allerdings fragen, wieso man mit solchen Arbeitsweisen gleich die Bestnote und nicht nur ein „bestanden“ bekommt. Plagiate sind nicht schwer zu finden, es gibt inzwischen Software, die vollautomatisch das Internet durchsucht und kopierte Passagen im Handumdrehen markiert.

Ich habe keinerlei Verständnis für Doktoranden, die auch nur einzelne Sätze von anderen abkupfern. Leider ist es aber wohl üblich, dass deutsche Unis bei aufsteigenden Politikern gerne mal etwas laschere Standards gelten lassen als bei „normalen“ Prüflingen. Auch an der Doktorarbeit der Bundesfamilienministern Kristina Schröder (damals Köhler) hat es massive Kritik gegeben (die Frankfurter Rundschau berichtete). Damals ging es allerdings nicht um fragwürdige Zitate, sondern um den Anteil der Eigenleistung, denn wesentliche Teile der Arbeit waren angeblich von Mitarbeitern der CDU-Parteibüros angefertigt worden. Tja, ein „Dr.“ vor dem Namen macht sich eben gut und kann auch in der Politik mancherlei Türen öffnen. Jungpolitiker sind deswegen scharf auf den Titel, nicht aber auf die damit zusammenhängende wissenschaftliche Plackerei.