Brauchen wir ein Altersstrafrecht?

Spiegel Online berichtet heute vom Ausgang des Gerichtsverfahrens gegen einen Autofahrer, der bei einem Schützenfest-Umzug mit Vollgas in die Menschenmenge gefahren war und dabei drei Menschen getötet hat: „Der 80-Jährige hatte mit seinem Auto zunächst in einer Schlange hinter dem Umzug gewartet, war dann aber ausgeschert und mit aufheulendem Motor in die Gruppe gefahren. Dies wertete das Gericht als Fahrfehler des Seniors. „Er war durch das unbedarfte Hineinfahren in die Situation überfordert“, sagte der Vorsitzende Richter. Ein jüngerer Mensch hätte möglicherweise besser reagiert, vermutete er. Der Rentner hatte nach dem Unfall seinen Führerschein abgegeben“.

Ein Fahrfehler? Geht’s noch? Aus der Schlange ausscheren, Vollgas geben und mitten in die Menschenmenge rasen gilt als Fahrfehler? Ich kann mir kaum vorstellen, dass ein Dreißigjähriger mit so etwas durchkommen würde. Der Richter begründet sein Urteil ja damit, dass „ein jüngerer Menschen möglicher besser reagiert“ hätte. Soll das bedeuten, alte Menschen sind eben miese Autofahrer, und deswegen lässt man sie unschuldige Menschen zu Tode rasen, weil sie ja nix dafür können? Für ein und dasselbe Delikt werden ältere Fahrer weniger hart bestraft als jüngere?  Hier wird mit zweierlei Maß gemessen. Das ist nicht rechtmäßig. In Deutschland gilt dank einer EU-Initiative das Diskriminierungsverbot. Danach dürfen Menschen nicht aufgrund ihres Alters (sowie Geschlechts, ethnischer Herkunft u.v.m.) diskriminiert werden. Es ist also nicht rechtmäßig, wenn Richter durch reine Willkür bei älteren Autofahrern andere Strafen verhängen als bei jüngeren.

Eine mögliche Lösung wäre eventuell ein Altersstrafrecht analog zum Jugendstrafrecht. Das Jugendstrafrecht sorgt dafür, dass Heranwachsende bei gleichen Delikten anders (d.h. milder) behandelt werden als Volljährige. Dies wurde damit begründet, dass Kinder und Jugendliche erst ab einem gewissen Alter fähig sind, das Unrecht einer Tat einzusehen und dementsprechend zu handeln. Ihnen wird die vollständige Mündigkeit abgesprochen, was aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse wohl auch korrekt ist. Ein Altersstrafrecht müsste also damit begründet werden, dass ältere Menschen ebenso wie Kinder nicht (mehr) in der Lage sind, Recht oder Unrecht einer Tat einzuschätzen und deswegen relativ milde bestraft werden sollen.

Die Frage ist nur: Möchten ältere Menschen so behandelt werden? Wie würde es sich anfühlen, die Altersgrenze zu überschreiten, ab der ein Altersstrafrecht greift? Gibt es wissenschaftlich fundierte Studien über das Urteilsvermögen alter Menschen? Schwierige Fragen, die ich hier nicht beantworten kann.

Solange es kein Altersstrafrecht gibt, sind allerdings alte und junge Menschen vor dem Gesetz gleich und müssen auch gleich behandelt werden. Und wer absichtlich Menschen zu Tode fährt, gehört meiner Meinung nach ins Gefängnis, und zwar ohne Bewährung.

PS: In einem ähnlichen Fall (allerdings ohne Tote) hat ein 24-jähriger 5 Jahre Gefängnis ohne Bewährung bekommen.

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