Betteln in China und Indien?

Mainstream-Medien arbeiten mit Übertreibungen, um das Interesse der Leser zu erwecken. Leider führt das häufig zu schlimmen Verzerrungen der Wirklichkeit. Ein schönes Beispiel findet man heute wieder auf Spiegel Online: „Wir [Deutschen] haben viele Schulden, und unsere demografische Entwicklung ist beängstigend. […] Selbst wenn wir künftig keine neuen Schulden mehr aufnehmen, müssen wir über Jahrzehnte 200 bis 300 Milliarden Euro pro Jahr refinanzieren. […] Gibt uns niemand mehr dieses Geld, müssen wir 2030 oder 2040 wahrscheinlich in China oder Indien um Hilfe betteln.“

Hm, ist die Lage wirklich so schlimm? Sind wir Deutschen bald so pleite, dass wir in China und Indien betteln müssen? Schauen wir doch mal nach, was die Fakten sagen. Deutschland hat im Jahr 2010 ein Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf von ca. 40.000 US-Dollar erwirtschaftet (Quelle). In China waren es 4.283 $, in Indien 1.176 $. Nehmen wir mal an, in Deutschland träte eine totale wirtschaftliche Stagnation ein – Nullwachstum für immer. Gleichzeitig gönnen wir den Chinesen und Indern ein hohes Wachstum von 10 Prozent pro Jahr über Jahrzehnte hinweg (ein äußerst optimistisches Szenario). Wie sieht es dann im Jahr 2030 aus? Dann ist China bei 28.812 $ angekommen, Indien bei 7.912 $. Betteln wäre in diesem Fall wohl zwecklos – schließlich wäre das BIP pro Kopf in Deutschland noch 1,5-mal so hoch wie in China und mehr als viermal so hoch wie in Indien. Im Jahr 2034 würde China Deutschland überholen und dank der hohen Wachstumsrate rasch abhängen. Indien schafft dies erst im Jahr 2048.

Das Bettelszenario dürfte ausfallen. Die Annahme, dass die deutsche Wirtschaft über Jahrzehnte stagniert, während China und Indien weiter boomen, ist völlig unrealistisch. Hinzu kommt, dass die Schulden des deutschen Staates (zu einem großen Teil) die Guthaben der deutschen Anleger sind – der staatlichen Verschuldung steht also ein privates Vermögen gegenüber. Wenn die Staatsfinanzen wackeln, kann die Bundesrepublik die Vermögen ihrer Bürger besteuern und dadurch ihre Finanzen konsolidieren. Die Sammelbüchsen werden also nicht gebraucht.

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