Archive for Januar 2011

Mut zur Inflation

31. Januar 2011

Vor ein paar Tagen hatte ich noch gefragt: „Wer hat Angst vor der Inflation“?

Henrik Müller anscheinend nicht mehr. Der Mann, der vor knapp einem Jahr noch ein Buch mit dem Titel „Sprengsatz Inflation“ veröffentlichte und darin warnte, Inflation zerstöre die Demokratie

… dieser Mann überrascht mich jetzt mit seinem neuesten Beitrag auf Spiegel Online: „Die Inflation in Deutschland beträgt rund zwei Prozent – doch das ist zu wenig. Die Preise müssten viel stärker steigen, um die Euro-Krise zu beenden“. Herzlichen Glückwunsch, Herr Müller! Sie haben den Mechanismus der Eurozone verstanden! Durch die gemeinsame Währung ist Ländern wie Spanien und Portugal der Weg einer nominalen Abwertung versperrt; eine reale Abwertung kann nur durch unterschiedliche Inflationsraten (über Jahre hinweg) geschehen. Um eine Deflation in anderen Euroländern zu vermeiden, müssen in Ländern wie Deutschland, Österreich und den Niederlanden etwas höhere Inflationsraten erzeugt werden. Es ist gut, dass Massenmedien wie SPON das verstehen und ihren Lesern erklären.

Eine Frage hätte ich aber noch an Herrn Müller. Was hat eine Kürzung der staatlichen Leistungen mit einer realen Abwertung zu tun? Der Zusammenhang kann doch höchstens sehr indirekt bestehen, nämlich wenn die Leistungskürzungen zu einer geringeren Inflation (bzw. Deflation) führen. Dann müssten jetzt die staatlichen Leistungen in Deutschland ausgeweitet werden, oder? Ist es das, was Sie uns sagen möchten? Nun, ich hätte nichts dagegen. Die deutsche Infrastruktur befindet sich teilweise in einem beklagenswerten Zustand; höhere Investitionsausgaben wären willkommen.

Wer hat Angst vor der Inflation?

26. Januar 2011

„Ökonomen fürchten Inflation von vier Prozent“, meldet Spiegel Online, und zitiert den Chefökonomen der Deutschen Bank, der vor einer möglichen „Vervierfachung der Inflationsrate“ warnt.

Das klingt dramatisch. Eine Viervierfachung der Inflationsrate, so hat es anno 1923 auch angefangen, und dann kam die Hyperinflation, brachte uns 100-Millionen-Mark-Scheine, wirtschaftlichen Niedergang, gesellschaftlichen Verfall und zum Ende gar Diktatur und Weltkrieg.

Aber ist eine Vervierfachung wirklich so schlimm? Die Antwort gibt es zum Glück im selben Artikel: „Im vergangenen Jahr lag die Inflationsrate laut Statistischem Bundesamt bei 1,1 Prozent“. Viermal 1,1 ist 4,4 – das Horrorszenariumverliert seinen Schrecken schon mal teilweise. Eine Inflationsrate von 4,4% klingt nicht nach Weltuntergang.

Außerdem muss man wissen, dass die Europäische Zentralbank eine Zielinflationsrate von 2% anpeilt. Das Ziel ist nicht Null Prozent, sondern zwei Prozent. Diese Ziel hat die deutsche Volkswirtschaft seit Einführung des Euro quasi permanent verfehlt, die Inflationsrate lag fast in jedem Jahr deutlich unter zwei Prozent. Jetzt wird das Ziel möglicherweise nach oben verfehlt. Eine Katastrophe ist das sicherlich nicht. Der IWF hat schon im Februar 2010 überlegt, dass ein Inflationsziel von 2% vielleicht zu restriktiv ist, und dass ein Ziel von 4% gewisse Vorteile bietet, nämlich mehr Flexibilität im Krisenfall.

Ein Fest für Old-School-Metaller

26. Januar 2011

Das neue Album von Metal Inquisitor ist ganz große Klasse. Ein Sound wie 1986, nur besser. Leider scheint es zur Zeit keine Tour zu geben. Schade, ich würde die Band gerne nochmal live sehen.

Das Comeback der Post-Keynesianer

26. Januar 2011

Die Neo-Keynesianer der jüngeren Generation haben jahrzehntelang die Beiträge der Post-Keynesianer hingebungsvoll ignoriert. Dies scheint sich nun endlich zu ändern. Brad DeLong hebt die „Minskyaner“ auf eine Stufe mit Keynesianern und Monetaristen, und Paul Krugman zitiert gar den polnischen Marx-Keynesianer Michal Kalecki.

Die Wirtschaftswissenschaften sind auf dem richtigen Weg, aber er wird lang und steinig sein…

Lucas Zeise über die Europapolitik der Bundesregierung

26. Januar 2011

Ich verstehe die Europapolitik der Bundesregierung überhaupt nicht mehr. Lucas Zeise auch nicht. Es ist wirklich nicht zu verstehen, wie Angela Merkel gerade die Europäische Union, die auch von Unionskanzlern wie Helmut Kohl aufgebaut worden ist, mit Karacho gegen die Wand fährt.

Paul Krugman über Inflation in der Eurozone

19. Januar 2011

Kurz und sehr lesenswert: European Inflation Targets

Wir brauchen (ein bißchen) Inflation in Deutschland, denn sonst wird es in Spanien sehr ungemütlich…

Im Brandfall bitte löschen

17. Januar 2011

Sebastian Dullien schaltet sich in die Debatte um den Umgang mit den staatlichen Schulden der Euroländer ein und kritisiert die Bundesregierung dafür, dass sie ihre Aufgabe im Bestrafen und Disziplinieren ausländischer Regierungen sucht, statt sich um zielorientierte Lösungsansätze zu bemühen: „Leider bringt uns diese Moralisierung in ökonomischen Fragen nicht weiter. Auch wenn es Ihr Nachbar versäumt hat, einen Feuerlöscher zu kaufen, ist es eine schlechte Idee, gerade im Brandfall ein Exempel zu statuieren und ihm den eigenen Feuerlöscher zu verweigern.“

Undenkbar, dass so etwas passiert.

Oder?

Im Oktober 2010 ließ die Feuerwehr von South Fulton, Tennessee, USA, ein Wohnhaus niederbrennen, weil die Eigentümer eine Gebühr von 75 Dollar nicht bezahlt hatten. Die Feuerwehr rückte an, machte es sich bequem und sah zu, wie das Haus niederbrannte. Angeblich befanden sich Haustiere darin, die im Feuer umkamen. Zahlreiche Medien berichteten darüber (u.a. FAZ).

Klar, dachte sich wohl manch einer damals, dass so etwas in den USA passiert, wo König Mammon mit harter Hand regiert. Im ach so solidarischen Europa könnte so etwas nicht passieren. Die Bundesregierung ist allerdings auf dem besten Wege, das Gegenteil zu beweisen.

Integration durch Heirat?

17. Januar 2011

Ein neues Papier stellt eine interessante These auf: In den USA haben Einwanderer, die eine Person mit US-amerikanischer Staatsangehörigkeit heiraten, größeren Erfolg auf dem Arbeitsmarkt. Die Autoren erklären dies damit, dass man durch die Heirat Zugang zu den einheimischen Netzwerken bekommt und dass sich dies letzten Endes auch durch besser Jobchancen bemerkbar macht. Das klingt plausibel. Der schöne neoklassischen Arbeitsmarkt, wo Arbeit als homogenes Gut zwischen anonymen Aktueren gehandelt wird und jeder gemäß seinem Grenzprodukt entlohnt wird, existiert eben nur in der Theorie. In der Praxis können Netzwerke schon helfen, und wer als Einwanderer in ein fremdes Land kommt, hat zunächst mal keinen Zugang zu den dortigen Netzwerken. Durch Heirat kann sich das sicher ändern.

Wenn diese These sich bestätigt, was kann die Politik daraus folgern? Sollte sie Eheschließungen zwischen Deutschen und Ausländern oder Deutschen mit Migrationshintergrund fördern? Wenn ja, wie? Abseits der wirtschaftlichen Folgen sollte man auch bedenken, dass die Eheschließung eine sehr private Entscheidung ist. Soll der Staat sich da überhaupt – und sei es nur durch „weiche“ Anreize – einmischen? Das tut er allerdings eh schon, denn das Ehegattensplittung bedeutet für viele Verheiratete einen massiven Vortei bei der Steuer. Schwierige, aber interessante Fragen. Ich werde mal versuchen, Daten zum Heiratsverhalten der Einwanderer in Deutschland aufzutreiben.

Warum keine Vermögensabgabe?

14. Januar 2011

Spiegel Online berichtet von einer privaten Initiative zur Tilgung der deutschen Staatsschulden. Die Initiatoren, gutmeinende und humorvolle Menschen, schlagen die Einführung einer Vermögensteuer von 2% vor und schätzen, dass man mit den Einnahmen innerhalb von 10 Jahren die öffentlichen Schulden tilgen könnte.

Aus dem Finanzministerium kam sogar eine Antwort, allerdings eine ablehnende: „Überlegungen zur Einführung einer Vermögensabgabe müssen zunächst berücksichtigen, dass Vermögen zunehmend mobil ist. Viele Vermögenspositionen können problemlos im Ausland gehalten und damit einer Vermögensabgabe entzogen werden. Auch deshalb erhebt innerhalb der EU kein Staat eine Vermögensabgabe“.

Damit kann man sich nicht zufrieden geben. Erstens ist die Mobilität des Vermögens durch politisch Maßnahmen befördert worden; sie kann auch wieder eingeschränkt werden. Außerdem verhindert sie nicht die Besteuerung des Vermögens. Einkommen aus Auslandsvermögen wird nämlich durchaus besteuert. Wer Vermögen im Ausland besitzt und daraus Einkommen erzielt, muss in seiner Steuererklärung dieses Einkommen erklären (Anlagen KAP und AUS). Grundsätzlich muss dieses Einkommen in Deutschland versteuert werden, wenn dies nicht durch ein Doppelbesteuerungsabkommen (DBA) anders geregelt ist. Genau so könnte man mit der Besteuerung von Vermögen auch verfahren. Wenn der Finanzminister von uns erwartet, dass wir unser Einkommen aus Auslandsvermögen angeben, kann auch verlangen, das Vermögen selbst anzugeben. Und das kann er dann besteuern (bzw. per DBA anders regeln). Die Mobilität des Vermögens ist also kein Argument gegen eine Vermögensabgabe.

Transfers können in beide Richtungen gehen

14. Januar 2011

Vor zwei Tagen hatte ich festgestellt, dass es für die Probleme der Eurozone langfristig nur zwei mögliche Lösungen gibt: Auflösung oder Umwandlung in eine politische Union. Letztere würde die Gefahr von Schuldenkrisen, wie wir sie gerade in Griechenland und Irland erlebt haben, nahezu beseitigen. Warum? Das erklärt Paul Krugman am Beispiel von Irland und Nevada: Beide Staaten leiden an den Folgen einer geplatzen Immobilenblase. Irland hat die bekannten Probleme: Einbruch des BIP, hohe Arbeitslosigkeit, hohe Verschuldung von Staat und privaten Haushalten. Zum Abbau der öffentlichen Neuverschuldung senkt die Regierung ihre Ausgaben. Das schwächt die Konjunktur, die Arbeitslosigkeit steigt weiter, und letzten Endes führen die Sparbemühungen vielleicht gar nicht zum Sparerfolg (Sparparadox). Wie sieht das in Nevada aus? Auch dort gab es einen großen Wirtschaftseinbruch, viele Menschen verloren ihr Zuhause wegen geplatzter Kredite, die Arbeitslosigkeit ist hoch. Auch dort streicht die Regierung ihre Ausgaben zusammen. Aber: Der Effekt auf die Konjunktur vor Ort ist viel geringer, weil die Haushalte in Nevada einen relativ großen Anteil ihrer Einkommen von außerhalb des Staates beziehen: die Gehälter der Bundesbeamten und die Renten kommen aus Washington. Durch diese Transfermechanismen wird der enge Zusammenhang zwischen Sparen und Konjunktur durchbrochen. Das ist in Irland anders: Die irischen Rentner und Beamten beziehen ihr Einkommen aus Dublin. Wenn Dublin spart, fällt das Einkommen in ganz Irland. Eine politische Union mit einer europäischen Haushaltspolitik, Sozialversicherung und Transfermechanismen würde Irland helfen, diesen Teufelskreis zu durchbrechen.

Es geht dabei übrigens nicht darum, Geld bzw. Kaufkraft von „erfolgreichen“ Ländern wie Deutschland in „Problemländer“ wie Irland zu transferieren. Transfers können in beide Richtungen gehen. Zur Zeit steht Deutschland zwar gut da, aber das kann in 10 oder 20 Jahren ganz anders aussehen. Wenn dann in Deutschland eine Krise ausbricht (z.B. weil China bis dahin eigene Investitionsgüter herzustellen kann und nicht mehr auf Importe aus Deutschland angewiesen ist), wird diese durch Transfers abgefedert. Eine solche Transferunion ist also eine Art Versicherung, in die jeder einzahlt, und die im Versicherungsfall (hier: im Fall einer Wirtschaftskrise) dem Geschädigten unter die Arme greift. Versicherungen sind gut, wer möchte schon im Krankheitsfall ohne Krankenversicherung dastehen? Warum sträuben wir uns dann gegen eine europaweite Wirtschaftskrisenversicherung?